Kultur lokal
Samstag, 14. August 1999 • Seite 55
Klischee von der töpfernden Hausfrau
rasch weggefegt
Zwölf Künstlerinnen erproben beim Sommerseminar
„Keramische Plastik" ihre Möglichkeiten
Von Svenja Herrmann
GIESSEN. „Der Weg, die Spuren und der Ton.
Die (eigene) Bewe-gung in der keramischen Plastik" -unter
dieses Motto hatte Harald Jegodzienski das zehnte Sommer-seminar
der „freien akademie" im Unteren Hardthof gestellt. Zum Abschluss
des Seminars fand ein „Tag der offenen Tür" statt, an dem
man den zwölf Teilnehmerinnen über die Schulter blicken und die
Ergebnisse der dreiwöchigen inten-siven Auseinandersetzung mit
verschiedenen Materialien, Tech-niken und den eigenen Ideen bewundern
konnte.
Wer sich unter diesen Ergebnissen nun Gefälliges fürs kommende
Weihnachts-fest vorstellte, etwa in Form von Tassen, Schüsseln
und anderweitigen Gebrauchs-gegenständen, wurde herb enttäuscht.
Das Klischee der zum Hobby töpfernden Hausfrau wurde durch die
Plastiken, die teils im Entstehen begriffen waren, teils schon
in fertigem Zustand auf das Brennen warteten, gänzlich demontiert.
Besonders beeindruckte die gestalterische Vielfalt der entstandenen
Kunstwerke, denn eine Gefahr solcher Seminare, die von Meis-tern
ihres Faches geleitet werden, ist, dass sich der Stil und das
Gestaltungsideal des „Meisters" in den Produkten der Schüler
lediglich variiert, denn ein guter Künstler muss nicht zwangsweise
auch ein guter Lehrer sein.
„Harald macht Türen auf; durchgehen muss jeder
alleine."
Eine Künstlerin über ihren Lehrer
In der Person Harald Jegodzienskis vereinen :sich
diese Fähigkeiten offenbar. „Er erkennt die besonderen Fähigkeiten
und Stärken eines jeden und hilft, den eigenen Weg zu finden",
schwärmen die Teilnehmerinnen von den didaktischen Fähigkeiten
ihres Mentors. „Harald mächt Türen auf; durchgehen muss jeder
allei-ne", beschreibt Christa Steinmetz aus Kelkheim seine
Rolle.
Jegodzienski sieht seine Aufgabe nicht nur in der Vermittlung
verschiedener Techniken der Materialbearbeitung, son-dern nimmt
den Teilnehmerinnen auf spielerische Weise auch die Scheu vor
dem Material und führt sie in ungewohnte und inspirierende, manchmal
recht kon-krete Ideenwelten, wie etwa auf den nahe • gelegenen
Schrottplatz, wo, so Jegodzi-, enski, die Materialien ihre „Lebensbeich-te"
ablegen.

Marlies Pufahl an ihrer Skulptur. Für sie ist
keramisches Arbeiten weit mehr als nur Hobby.
• Bild: Herrmann
Wichtig ist den Teilnehmerinnen, die aus ganz
Deutschland kommen und teil-weise schon zum sechsten Mal einge-schrieben
sind, dass sie sich in diesen drei Wochen voll und ganz der Kunst
widmen können: „Hier kann man nicht weglaufen, man muss eine Lösung
finden", schildert eine die besondere Dynamik des Semi-nars.
Faszinierend ist dabei die Vielfalt der Lösungen, die das Material
bereit hält, wenn die entsprechenden Techniken be-herrscht werden.
Im spielerischen, experi-mentellen Umgang mit verschiedenen Tonsorten
zeigt Jegodzienski die Mög-lichkeiten des Materials auf und ermutigt
die Künstlerinnen, sich auf den Prozess, die Veränderung des Werkes
im Werden, einzulassen. „Mittlerweile ist die Keramik sehr viel
mehr als ein Hobby", erklären Marlies Pufahl und Ingeborg
Meier über-einstimmend.
Fast alle Teilnehmerinnen haben sich bereits an Ausstellungen
beteiligt oder schmieden entsprechende Pläne. Für Eve-lyn Hesselmann
hingegen ist das Seminar eine berufliche Fortbildung; sie betreibt
bereits ihre eigene Galerie in Nürnberg und leitet selbst Keramikkurse.
So verschieden die beruflichen und privaten Hintergründe der Teilnehmerin-nen
auch sein mögen, sie alle äußern sich begeistert über die zurückhaltende
Art ihres Mentors, Impulse und Denkanstöße zu geben und bedauern,
dass die Zeit im Unteren Hardthof so schnell vergangen: ist.
Bleibt zu hoffen, dass es bald zu der geplanten Ausstellung der
während der Sommerseminare entstandenen Plastiken. kommen wird,
um das Vorurteil, Keramik erschöpfe sich in lasierten Schüsseln
und Tassen, zu entkräften.
Kreativer »Input« vom
Schrottplatz
Im Unteren Hardthof veranstaltet die »freie akademie« ihre Sommerseminare
Gießen (lo). »Wir ha-ben hier schon Techni-ken
gefunden, die es nach Lehrmeinung überhaupt nicht gibt«: Harald
Jegodzienski, Künstler und Leiter der »freien akademie« für Bildende
Kunst, hat mit den Sommer-kursen, die er seit acht Jahren meist
im Gale-rieraum der Künstler-kolonie Unterer Hardthof veranstaltet,
eine selbstbewußte Tradition begründet. Aus dem ganzen Bun-desgebiet
reisten auch in diesem Jahr wieder Teilnehmerinnen und Teilnehmer
zu Jegodzi-enskis dreiwöchigem Seminar »Keramische Skulptur« an.
Mit ei-nem Dutzend Künstle-rinnen und Künstlern war der Kurs ausgebucht
- darunter Profis, Halbprofis und erfahre-nen Laien, wie Jegodzienski
erklärte. Morgen geht der erste von zwei Kursen zu Ende; ab kom-mendem
Montag bietet der Künstler noch eine »Intensivwoche« an. Am vergangenen
Mittwoch waren die Gießener eingeladen, sich von der Ar-beit in
der »freien akademie« einen Eindruck zu verschaffen.
Daß in den Sommerseminaren stets neue Wege begangen werden, hat
seine Gründe: »Wir erfin-den da und erfinden hier etwas«, so der
Kurslei-ter. Auf jede Person werde individuell eingegan-gen, jeder
unternehme in den Kursen eine »Rei-se mit sich selbst«, beschrieb
Jegodzienski im Pressegespräch die konzeptionelle Grundlage für
seine erfolgreiche Veranstaltungsreihe. Die Menschen, die sich
auf diese Art von »Ausflug« einlassen, unterteilten sich meist
in zwei gleich große Gruppen: je eine Hälfte Stammteilnehmer,
die diese »ungeschriebene Tradition« der indivi-duellen Kreativität
weitertrügen, und eine Hälf-te Neuankömmlinge. Viele unternähmen
bei die-ser Gelegenheit »persönliche Grenzgänge« in be-zug auf
ihre künstlerische Arbeit.

Abdrücke unterschiedlicher Gebäudeteile im Unteren
Hardthof verwen-dete diese Sommerseminarteilnehmerin für ihre
Skulptur. (Foto: Schepp)
Den kreativen »Input« für ihre Arbeiten schöpften
die Künstlerinnen und Künstler aus ganz unterschiedlichen Quellen:
Vor der Galerie im Unteren Hardthof wurde ein großer Sand-haufen
ausgebreitet, in dem mit Matsch gearbei-tet werden konnte. »Sand
ist für mich eine feste Form von Wasser«, umschreibt Jegodzienski
die-ses vertraute Medium aus Kindertagen. Eine Künstlerin hat
aus Ton Abdrücke architektoni-scher Details von Gebäuden des Unteren
Hardthofs gemacht und in einer Skulptur zu-sammengefaßt. Auch
ein Besuch auf dem Schrottplatz gehörte zu den »Formfindungspro-zessen«,
die Jegodzienski mit seinem Sommerse-minar initiieren wollte.
»Mancher Teilnehmer und manche Teilnehmerin kam mit einem ganzen
Kofferraum voller Teile zurück«, berichtete der Künstler.
Harald Jegodzienski hat einen besonderen Wunsch: In zwei Jahren,
wenn seine Sommer-kurse zehnjähriges Jubiläum feiern, soll eine
Ausstellung die gesammelten Arbeiten aus zehn Jahren zur Schau
stellen - zusammen mit Fotos, die den Enstehungsprozeß dokumentieren.
Kultur lokal
Mittwoch, 27. 8.97 • Seite 9
„Wichtig ist nur die
Bereitschaft zum spielerischen Gestalten"
Sommerakademie im Unteren Hardthof befaßte sich mit „Abstraktion
als Erlebnis von Realität"
Von Eckhard Martin
GIESSEN. Hochsommer, Ferien-zeit - das
ist für den Gießener Künstler Harald Jegodzienski seit acht Jahren
eine Zeit der intensiven Auseinandersetzung mit Formen und Inhalten,
des Lehrens und des Lernens. Die Galerie des Unteren Hardthofes
wurde auch in den vergangenen vier Wochen wieder zum Bildhaueratelier
seiner freien Sommerakademie. „Abstraktion als Erlebnis von Realität"
lautete der Titel der beiden diesjährigen Kurse.
Die sieben Teilnehmerinnen des einwö-chigen Kurses, der auf einen
dreiwöchigen Kursus folgte, nutzen die Möglichkeiten, die der
Hardthof bietet, mit Begeisterung. „Manche arbeiten hier von morgens
früh um sieben bis in die Nacht", sagt Harald Jegodzienski.
Gleich vor der Galerie, die sich mit großen Türen zum Hof hin
öffnet, liegt ein großer Sandhügel für Arbeiten mit Lehm, es steht
ein stabiler Werktisch im Freien, und im Schatten eines Baumes
gibt es Sitzgelegenheiten für die Pause, zum Essen und zum miteinander
Reden.
Keine Vorbildung nötig
Die Gießener Sommerkurse richten sich an Anfänger und Fortgeschrittene,
und Harald Jegodzienski unterstreicht,
daß keinerlei künstlerische Vorbildung für die Teilnahme nötig
sei: „Wichtig ist nur die Bereitschaft zum spielerischen Gestalten."
Nach einer Woche könne man bei den Resultaten der Arbeit meist
nicht mehr erkennen, ob sie von einem Anfän-ger oder von einem
„Meister des Faches" geleistet wurde, meint der diplomierte
Maler und Bildhauer, der auch ein Päd-agogikstudium absolviert
hat, und Lehrer-fahrungen an der europäischen Sommer-akademie
in Trier und an der Uni Gießen sammelte.

Auf und aus Sand gebaut: Teilnehmer der Freien
Sommerakademie am Unteren Hardthofin Aktion.
Bild: Martin
Ergebnisse nebensächlich
Doch die Ergebnisse der Erkundungen von Materialien und Werkstoffen,
Formen und Farben sind bei den Kursen eher nebensächlich. Oft
wird etwas ausprobiert und gleich wieder verworfen, geformt und
wieder zerstört.
Für den Kursleiter sind die Inhalte wichtig. „Es geht darum, etwas
zu finden, das unsere Gedanken optimieren hilft", sagt Harald
Jegodzienski. Auch die künst-lerischen Techniken richten sich
nach den Inhalten, die letztlich durch das Kunst-werk transportiert
werden sollen.
„Die Bildfindungsprozesse", so der Künstler, „verlaufen durch
das Spiel zu ernsthaften Ergebnissen."
Die Gipsform eines menschlichen Kör-pers, die ein Teilnehmer schon
mitge-bracht hatte, um sie hier weiter zu bearbei-ten, wurde zum
Beispiel in viele Fragmen-te zerlegt und dann wieder neu zusammen-
gesetzt. Teilen und sehen, ob die Summe des Ganzen mehr ergibt
- dieses Motto habe sich stark durch die Arbeiten in diesem Sommer
gezogen, meint Jegod-zienski. So wird das Innen nach außen gestülpt
oder das Einzelteil als Modul verstanden.
Anschluß-Erfolge
Der Leiter der freien Sommerakademie hat sich zum Ziel gesetzt,
die Stärken der einzelnen Teilnehmer herauszuschälen, und er versteht
sich als Begleiter der künstlerischen Entwicklung seiner Schü-ler,
von denen er einzelne schon zu Ausstellungen geführt hat. Eine
Künstle-rin aus Luxemburg konnte die Arbeiten, die sie in diesem
Sommer im Unteren Hardthof gebrannt hat, direkt in die Natio-nenausstellung
von Luxemburg mitneh-men. Für andere wie Christa Steinmetz ergibt
sich als Fortsetzung der Sommer-akademie die Teilnahme an einem
interna-tionalen Bildhauersymposion im Aus-land.
Eine interessante Abwechslung für die Teilnehmerinnen bot in diesem
Jahr der Besuch von Künstlern und Kunststuden-ten aus Riga, die
auf einer vom amerikani-schen Soros-Fond unterstützten Reise zur
documenta und zur Biennale in Venedig am Hardthof Station machten.
Vermittelt wurde dieser Besuch durch Valda Podkal-ne, die Frau
von Harald Jegodzienski, die an der Rigaer Akademie der Schönen
Künste Grafik-Design unterrichtet.
Saarbrücker Zeitung Mittwoch, 21. 7.99
„Plastizieren ist halt
etwas Wunderbares"
In Harald Jegodzienskis Kreativwerkstatt schufen die Kursusteilnehmer
kleine Kunstwerke
- Von Klaus Priester -

Freier Lauf vom Geist zur Form Auch Christine
Funk aus Blieskastei hatte an der „Sommerakademie" auf dem
Schloßberg den Kursus „Plastizieren" mit dem nam-haften Dozenten
Harald Jegodzienski aus Gießen belegt. FOTO: BADT
Blieskastel. „In unserem Kursus stehen die Türen offen
für offene, künstlerisch-freie Gedanken und ihre Umsetzung in
kreatives Gestalten," Harald Jegodzienski legt großen Wert
auf die geistig-unabhän-gige Umsetzung der Ideen seiner Kursus-teilnehmer.
Der Bildhauer, Keramiker und Maler aus Gießen leitet auch in diesem
Jahr den Kursus „Plastizieren" an der Blieskasteier „Sommerakademie".
„Blieskastei eignet sich ideal für meinen Kursus. Die Atmosphäre
hier, die weiträu-migen Arbeitsflächen und die Offenheit unserer
Teilnehmer bestärkt mich in je-dem Jahr, die Kurse an der Sommeraka-demie
fortzuführen." Grundmaterialien des Plastizierens sind weißer
und roter Ton, Aus ihm gewinnen die Kursusteil-nehmer, in diesem
Jahr nur Damen, ihre Formgebung. Nicht zu glauben, was aus Ton
alles gestaltet werden kann, Gabriele Khoury ist zum ersten Mal
im Kursus Pla-
stizieren an der Sommerakademie. Die Kölnerin fertigt gerade eine
Skulptur an. „Ich schätze vor allem die ungezwungene Atmosphäre,
die hier an der Sommeraka-demie herrscht. Wenig Konkurrenzdenken
unter den Teilnehmern und die Faszina-tion, einen der führenden
deutschen Pla-stizistiklehrer als Dozenten unmittelbar erleben
zu dürfen, sind schon einmalig." Monika Podzierski ist zum
zweiten Mal in Blieskastei. „Ich versuche in jedem Jahr die verschiedenen
Wege zwischen Technik und Ausdruck im Plastizieren zu gehen. Vor
allem schätze ich Techniken, wo jeder die größtmöglichen Freiheiten
hat."
Die Kursusteilnehmer duzen alle ihren Lehrmeister. Der beharrt
auf der weiteren Steigerung des Stellenwertes von Plasti-zieren
in der Kunstlehre. „Plastizieren be-deutet sich selber zu bewegen.
Wie schließe ich Formen, wie schließe ich Lücken, wie kann ich
mit meinen eigenen Händen kreative Ideen umsetzen? Das sind Fragen,
denen wir Antworten geben können." Der
Kursus Plastizieren richtet sich sowohl a: Anfänger als auch an
Fortgeschrittene k freiplastischen Bereich der Keramik. I wenigen
Tagen haben die Kursusteilner, mer einen ganzen Raum an Modeller
Skulpturen und Plastiken geschaffen. Vo abstrakter Formenlehre
bis hin zu gan konkreter Modellgestaltung. Plastiziere läßt den
Künstlern viel Freiheit „Das is gerade das gewisse Etwas in unserem
Kur sus. Ich gängele die Teilnehmer nicht, wa sie wie machen sollen.
Wir machen zwa schon ,Brainstorming, aber umsetzen mu jeder seine
Ideen selber", meint Jegod zienski. Auch die Kinder üben
sich schoi im Plastizieren. „Einige Frauen bringen ih re Kinder
in den Kursus mit. Es ist imme wieder erstaunlich, was diese aus
Toi schon herstellen können." Auf dem Werk tisch stehen zwei
Dinos aus Ton, die bis in kleinste Körperteil genau nachgeahm
wurden. „Da sehen sie, wie aus Raum um Zeit eine künstlerische
Einheit werder Plastizieren ist halt was Wunderbares."
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