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Harald Jegodzienski
Eckladen
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Görlitz
1994
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Unterhalb des bröckelnden Gesimses, Pegelstand
für die Belle Etage, hat der Schmutz einiger Jahrzehnte sich in
die Außenhaut dieses Hauses hineingefressen und ein feines, engmaschiges
Netz gesponnen. Diese zunächst feingliedrigen Zeitmäander fließen
in immer markanteren Kanälen vorbei an sich nun schon aufbäumenden
Eselsohren unzähliger Farbschichten in zusehends breiteren Flussläufen
auf eine tiefgründige „Seenplatte" zerbröselnder Fassade
zu. Sie umströmen die zwar craquellierte, doch scharfkantig und
exakt konturierte Hafenbeckenanlagen von Fensterwinkeln, um letztendlich
in einen auflösenden Formenkanon einzumünden. Die Fläche der verwaschenen
Uferzone der Hausbasis steigt ins Unbegreifliche, umschreibt eine
Zone gleich einem ausgetrockneten Meerbett. Die im unteren Hausbereich
schärfer werdenden Beanspruchungen geben im weiteren Verlauf schließlich
das rohe Fleisch der Bausubstanz frei, lassen das geschichtliche
Gerippe der Haus-Konstruktion und nachträgliche Ein- und Umbauten
sichtbar werden: Die Baurechte der Architekten müssen im Laufe
der Zeit verwirkt gewesen sein. Das Aufgesetzte ist somit als
solches entlarvt, das Eigentliche ist nun der Diskussion um Originalität
freigegeben. Einige Putz-Plaquen-Inseln haften letztendlich am
nackten Körper mit dem Charme zierender Schmucksteine oder Feigenblätter,
- geben das Haus der Lächerlichkeit preis. Die eigentliche Basis
des Hauses nähert sich Naturformen an; nur durch die Kontur der
Bordsteinanordnung im Trottoir-Pflaster lässt sich die ursprüngliche
städtebauliche Einbindung nachzeichnen.
Gekreuzt wird diese senkrecht verlaufende Hauttopografie des Architekturkörpers
mit einer horizontalen Gliederung. - mit den Insignien geschichtlicher
Aufzeichnung des inneren Organismus dieses Eckladens. Der Blick
hält sich auf der grauen Schlangenhautzone im Kreuzfeuer der Schriftzugfetzen
fest. Diese Werbe-Lippenstiftfragmente auf aschfahler Haushaut
erhöhen den Topografieaufbau der Wand um ein Erhebliches. Frei
gehaltene Schriftschwünge des Jugendstils werden jäh vom Stakkato
der Sütterlinlettern gebrochen. Fraktur wird geschnitten von gerundeten
Holz-Applikationsbuchstaben der 40iger, zerstört durch Einschusslöcher
der Leuchtreklamehalterung. Das Herz dieses Körpers schlug für
Hüte, Milch, Süß- und Eisenwaren und hier wurden die Waren eines
HO-Ladens feilgeboten. Seine Herzklappe, mittlerweile mehr Höhleneingang
denn Ladentür, wird flankiert von Aufputzleitungen, die durch
ihr freischwebendes Erscheinungsbild diesen Ausdruck nicht mehr
verdienen und von einer verrosteten Fahnenstangenhalterung, die
erahnen lässt, dass an Staatsfeiertagen die Verwalter dieses Ladens
sich in die lange Schlange von Bauern und Arbeitern einreihten.
Diesen erdigen Höhleneingang halb verdeckend, wird nun auf blendend
weißer Acrylplatte, - dieses mal gut leserlich, gelasert ordentlich
und postmodern farbig-, die zukünftige Dependance eines Maklerbüros
ausgewiesen. Grundsätzliche Veränderungen stehen an. Der geschichtliche
Duden dieses Hauses wird bald nicht mehr zur Verfügung stehen.
Ein neuer Wintermantel aus Neuputz und Farbe wird diesen Körper
durch die nächsten Jahrzehnte schützen, oder ein vorübergehender
Kegel aus Backsteinen, herausstaksenden Balken, Dachlatten und
bunten Tapetenfetzen wird von einem neuen Baukörper künden 
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