Harald Jegodzienski
Mein Lieber,

Fährfahrt Lübeck-Riga, Februar
2003

normalerweise braucht keine Schwelle mehr überwunden werden und auch die dazugehörige Angst ist schon lange nicht mehr erfahren worden. Jetzt erscheint die Schwelle übergroß, sofern dieser Vergleich überhaupt erlaubt sein sollte: Das Meer. - Zeitlupengleich, ohne eigene große Bewegung, werden weit entlegene Räume im Kopf zu Nachbarräumen zusammengezogen. Das Vehikel, die Fähre, gibt ihr bestes, die Schwellen-Distanz zu überbrücken. Das ständige Blinken einer Leuchtschrift „enjoy your trip" wird als Augenzwinkern gewertet, angesichts des Durchgeschütteltsein durch Treibeis und Sturm. Gut nur, dass die Fähren der vergangenen Jahre ausgemustert wurden. Sie dümpeln, wenn überhaupt, zwischen irgendwelchen Inseln unter südlicher Sonne. Zu rau und unwirtlich war für diese das Ostsee-Wetter, was auf den Zustand der unter südländischen Flaggen fahrenden Schiffen ein weiteres, nicht auszuführendes Beschreibungs-Schlaglicht werfen wollte.

Die Vierbett-Kabine ist dunkel: Anheimelnd wollendes Holzimitat auf Plastetafeln begrenzen den kleinen Raum. Die senkrechten Braunstreifen und die gedrängte Kojenanordnung unterstützen das Ansinnen, diesen Raum mehr mit einer Zelle zu vergleichen. So mag sich vielleicht ein Zelleninsasse seine Freiheit vorstellen: Gleichsam der Position von Ohrhörern, wird das als übermäßig empfundene Außenlicht durch das kleine Bullauge in den gegenüberhängenden Spiegel reflektiert. In den Augen-Außenwinkeln wird beides als „Lichthören" empfunden. Die große Freiheit fächelt jedoch direkt vor mir das elektronische Fenster meines Laptops zu: Wolkenaufreißender blauer Himmel und die Möglichkeit, Dir einen Brief schreiben zu können.

Die Zelle hat einen dazugehörigen Vorhof. Vorboten vom Vorhof sind gleich hinter meinem Laptop-Fenster positioniert: Der an der Wand festverankerte Flaschenöffner und der mehrsprachige Hinweis, hier in der Zelle nicht rauchen zu dürfen. Es findet also draußen statt: das Bärentapsen ausgewachsener Lastkraftfahrer, der verstohlene Vergleich der angefutterten Krötenbäuche mit seinem eigenen, das Kampftrinken, das Eingehülltsein in Nebelschwaden ausgestoßenen Zigarettendampfes, Schweiß, Trainingsanzügen und billige Badeschlappen. Was ist sonst mit einem von der Alltags-Schulter heruntergerutschten Tag sonst noch zu tun? - Ich vergaß den kollektiven Videogenuss: Mal amerikanische Filme mit nachbearbeitetem russisch, mal finnische in amerikanischer Synchronisation, mal russische in original, mal deutsche Streifen mit lettischen Untertiteln, - Spiegelung der Sprachen, die im „Vorhof" gesprochen werden. Die zwei sächsischen LKW-Fahrer halten sich prächtig. - Jeder bringt seine Lieblingskassette mit und hofft, dass die eigene Film-Wahl die Anerkennung der Vorhöfler herausfordert. Wie viele virtuelle Tote von wie vielen Schein-Schüssen an einer einzigen „Schwellenüberschreitung" wohl produziert werden? Bleibt noch das Hochkrempeln der Ärmel beim Trinken von Hochprozentigem unterstreichend zu erwähnen. Dieses ebenfalls kollektive Besäufnis gleicht einem Ausradieren des geschenkten Tages, der Austreibung aller guten Geister. So übernehmen die Kabinen die Rolle von Ausnüchterungs-zellen, das Eigentliche spielt sich im Vorhof ab.

Im Ankunftshafen speit das Schiff nach und nach seine Fracht an Land. Die Schwelle ist überwunden. Hoffnungen für den Nebenraum und mit ihm bestehen zu können, sind berechtigt.

Du magst mir nun zu recht vorhalten wollen, mein Entree des Eigentlichen sei ein wenig kompliziert und zudem zu opulent formuliert? Es ist schwer, das Unbeschreibliche beschreiben zu
wollen ...

Wie geht es Dir nach Deinem Schlaganfall?
Welchen Schwellenbericht kannst Du mir geben?
Welcher Nebenraum ist Dir nun aufgetan?

Herzliche Grüße begleiten diese Zeilen, meine Gedanken Dich!