Harald Jegodzienski
Palastkrater

Jerusalem, Bethlehem, Herodion - Ostern
1993

Noch ist es nur ein abstraktes Stadtplanbild, geordnet von orthogonalen Achsenkreuzen der Faltung, druckfrisch-klebend und starr. Meine Neugier auf diese Stadt und deren Menschen ist bislang nur in zwei Dimensionen befriedet worden: In den teleoptischen Zeitungsnachrichtenbildern, die mein allmorgendliches Frühstück zuhause flankierten. Es scheint ein Nervenzentrum des Orients zu sein und Orientierung für Nachrichten und Nachgerichtetem in weltumspannenden Bild- und Schriftblöcken. Jedenfalls muss ich dies aufgrund der Fülle der angebotenen Nachrichten schließen, die meine Vor-Bilder bisher prägten, aus denen ich dann meine Vor-Stellungen bezog …
Reisebusse und Hotelkuben liefern den Touristen die dritte Dimension. Herdenrezeption in Ah´s und Oh´s. Der Hunger nach Fragen, soweit denn vorhanden, erstirbt allzu oft an der Masse von Eindrücken und der verfügbaren Zeit. Die dritte Dimension bekommt schließlich oft nur ein kleines Häkchen. Diese verführende Stadt gleicht einem Weideland aus lauter solcher Häkchen. - Die Busladungen scheinen nur die Vor-Bilder bestätigen zu wollen, um sie lediglich um eine oberflächliche Dimension zu erweitern. Der Geist stapft willig mit, die Baucharbeit aber fehlt und der Magen knurrt - im besten Fall.
Ich werde an der Nabelschnur unter eine warme Decke dieser Stadt geführt, - Ausgangspunkt von Fragen, Zuhören und Ent-Deckungen. Einem Strand der Dialogbereitschaft, an dem die parallelen, fundamental-schäumenden Meinungswogen dieses Landes sanft ihre Kraft verlieren. Würde man sich ungeschützt in diese Brandung wagen, in der die Art der Fragestellungen schon als die Zugehörigkeit einer radikalen Welle interpretiert wird, würde durch diese unwissende Konfrontation der eigene Grund, die Argumentationsbasis, schnell und radikal unterspült werden, ohne ihn überhaupt aussagemäßig untermauert zu haben. Dieses komplexe und komplizierte Netz aus parallelen Hauptwellen und Untergrundquerströmungen der Dialogansätze lässt eine Toleranz gegenüber naiven Fragen nur an ausgewählten Orten antreffen. Einige Aussagen formieren sich nur langsam wachsend an der Grenze dieser Kräfte.
Wie ein Baskenmützenzipfel ziert eine Tonsäule das Dach des Hauses meiner Freunde. Auf seiner Außenhaut ist ein Brief eingebrannt. Dieser Brief eines palästinensischen Gemüsebauern, den „Frauen in Schwarz" überreicht, wurde in einer Lade voll Gemüse bei der Übergabe versteckt: Nahrung für Leib und weiteres Einstehen der Dialogbereitschaft dieser Frauen und einigen Palästinensern. Der ausgestreckte, offene Arm der gemeinsamen Zukunft, bedeckt jedoch mit einem Schweigemantel aus Gemüse. Auch wenn der Strand des Dialogs einmal verebbt sein sollte, diese kleine Litfasssäule wird uns, - wie gefundene antike Scherben vergangene Kulturen dechiffrieren können -, vom Dialog von Juden und Palästinensern berichten können. Die Sehnsucht nach Frieden manifestiert sich nun in gebrannter Erde, - nicht vergänglich.

Ein gewisser Stolz untermalt die Ortserklärung der Fußgängerzone, - einer großstädtische Jerusalem-Attraktion auf dem Weg zur Altstadt - , gewissermaßen als Verweis interpretiert, dass die Normalität des Lebens auch in diesem Lande zu finden sei. Tatsächlich scheinen sich hier Portobello Road mit der Champs-Elysees kreuzen zu wollen, gerahmt von Läden, - gleich Wundertüten, gefüllt mit den Gaben des heiligen Morgenlandes in ihren Auslagen. Eingerahmt aber auch von Blaulichtsalven querstehender Militärmannschaftswagen und Maschinengewehren im Anschlag. Die Normalität hat ihre Begrenzung.
Die geflickte Textil-Basarüberdachung filtert die Nachmittagssonne zu einer bühnenreifen Illumination des Gehsteiglabyrinths. So fallen besonders die kunstbeleuchteten Marieen-Statuen auf, die bunt-baumelnd, aufgeknöpft an Ketten, lanzettförmig herunterhängen. Ganze Lanzettbündel formieren sich zu Eingangssäulen der Verkaufshöhlen. Videos palmsegnender Patriarchen wechseln gegen griechische Drachmen die Besitzer. Elektronisch aufbereitete Ikonen werden also im fernen Griechenland von der Pilgerfahrt künden. Zudem werden Schöpf-Löffelweise kleine, magere Holzkreuze von fröhlichen, kniebestrümpften deutschen Jugendgruppen erworben, - der Preis heruntergedrückt, damit das ersehnte Lederband im ersehnten Preislimit enthalten ist.
Die arabisch-musikalische Übersetzung der christlichen Ostergeschichte markiert den akustischen Ort eines Musik-Kassettenladens und gleichzeitig den Übergang eines neuen Stadtviertels. Die exakte Grenze wird von Bauchtanzrhythmen definiert. Das für einen Mitteleuropäer so kleidsam Palästinensertuch unterliegt hier einem geradezu obligatorischen Kaufzwang. Die Sicherheit dieses Erwerbs wird jedoch sogleich geschmälert durch die Unwissenheit, durch welches Stadtviertel man die durchsichtige Einkaufstüte trophäenhaft ohne Provokation tragen darf. Im besten Fall, - denn diese Unsicherheit zeugt schon von der Gradation an Informationsbereitschaft auf der nach oben offenen Richterskala der Be- und Empfindlichkeiten dieses Landes. Vorsichtshalber werden die Tüten im Sichtbereich mit den Gaben des Kaufzuges der so-und-so-vielten Eroberung Jerusalems, vornehmlich Jesuslatschen, ausstaffiert.
Das gelobte Land ist eine Insel der Orthodoxien, von parallelen Lebenssträngen, - um- und eingefasst vom Spalier des Militärs, einander getrennt vom frisch geharktem Wüstenstreifen. Jede Fußspur, als konkrete Bewegung der Querkräfte, der Dialogbereitschaft, wird sorgfältig protokollierend beargwöhnt. Menschenrechte zu vertreten bedeutet Abweichlertum der harten Linien, Nestbeschmutzung, - suspekte Softliner, die unversehens im Untergrund der politischen Äußerung sich wiederfinden. Der neutrale Streifen kann schnell zum Krüppel- oder Todesstreifen werden: -psychisch, wie physisch. - Die große Anzahl der Mündungsrohre von Maschinengewehren werden mit der Zeit nicht mehr wahrgenommen. Man hat sich sattgesehen.
Von Kindern lustlos mit einem Stock getrieben, trottet eine kleine Herde Schafe durch die Gassen, - dem kulinarischen Genuss oder dem Opferaltar entgegen. Spastisch rudernd wird dieses Idylle von zielstrebig-hastigen Pelzmützen-Männern überholt. Scheinbare Ruhe und Andacht kehrt bei der V. Station des Kreuzwegs ein. Italiener verdrängen jedoch, just bei dieser Annahme, laut singend und bestimmend die vor ihnen postierten Pilger, die so getrieben und hastig den heiligen Stein küssen und zum Abschied ihr Halstuch reibend segnen. Der Stein glänzt im fahlen Licht und kündet von großer Beanspruchung. Von einer schwarzen Wand gebückter Mütterchen wird mir der Weg versperrt, die ein mannshohes Kreuz geschultert haben, - angeführt von einer aufrecht-gehenden, bibellesenden Schwarzkutte. Nicht nur die Steine, nein, alles wird heute über alle Maßen beansprucht. Goldeingefasste Ikonen werden von purpurnen Orthodoxen über den Köpfen der Pilger getragen. Das Murmeln ihrer Gebete, das inbrünstige Singen ihrer Lieder wird jäh gebrochen durch das Geplärr von dem Halbmond-Spitzturm. Wieder eine Kreuzung. Man kann es auch als Korrektiv einer Alleinbeanspruchung deuten. Die ganze Stadt scheint aus lauter solcher Kreuzungen zu bestehen - auch Kreuzigungen - ohne Verständigungsfolgen. Außerhalb des gelobten Landes findet der Mensch wohlmöglich seinen Naturgott im Tannenhain. In der übermächtigen Wüstenlandschaft scheint er vorhanden. In Jerusalem allerdings ist Gott Stadtgespräch, und dies alltäglich.
Die Kruste der Orthodoxien bedeutet Sicherheit, die Seele aber scheint sich in spastischer Lähmung zu verkrampfen. Beides, - das Aufbrechen der Schale, wie die Verteidigung der gewachsenen Ordnungen verlangt von jedem höchst mögliche Lebensintensität im Definitionsprozess der eigenen Strukturen. Die Qualität eines finalen, öffnenden Verständigungsgedankens ist zunächst von zweitrangiger Bedeutung.
Ein zweites, benachbartes Minarett nimmt die Herausforderung an: Der Wettstreit langgezogener Laute beginnt, mischt sich mit dem Plärren der getriebenen Schafe. Das Hämmern der Blechner, die Siebe stanzen und montieren, löst einen weiteren akustischen Reiz ab: Die aufdringliche Dokumentation der Ereignisse vorheriger Osterfeste in der Grabeskirche. Lauträume mit der Kraft und Durchsetzungswillens eines Kirmesrummels, - doch man verspürt eine gefahrvolle Wachsamkeit. Weihrauch und Myrrhe in drei verschiedenen Qualitätsstufen, orientalische Süßigkeiten, Heiligenbilder und Postkarten - Nahrung für Seele und Leib und für den Hunger der Nachbarn in der Heimat. Stolpernde Stöckelschuh-Touristinnen kennzeichnen den Übergang des zeitgenössischen zur antiken Pflasterung.
In Jerusalem sind alle Einwohner Experten der Archäologie. Das ganze Land basiert auf Scherben der Vergangenheit. Scherben und Engel sind auch immer wiederkehrende Themen in der bildenden Kunst. Die Realität ist so übermächtig, dass man im Humus der Vorgeschichte stecken bleibt. Die Sehnsucht, Scherben wieder zusammenzusetzen, bekommt oft riesige Flügel. Der Bodenkontakt jedoch wird oft nicht mehr verspürt. So ist der Kampf um die eigene Identität mit über-großen Anstrengungen verbunden, der zudem von den Vorbildern der mächtigen Schwestern und Brüdern aus den Staaten und Europa beschattet wird. Ständig wird man mit den Namensdenkmälern von Straßen, Plätzen, Gebäuden, gestifteten Bildern und Skulpturen der fernen Geschwisterschaft konfrontiert. In den Museen hängen oder stehen zuhauf in den bildnerischen Sprachen der europäischen und amerikanischen Moderne gehaltene Kunstobjekte - signiert aber mit der „heiligen Schrift". Es ist ein einziger Kreuzgang im Kloster der jungen Geschichte, - im Innenhof die Gräber der Heiligen und Gönner.
Eine mit einem Tuch verhüllte Frau wird umringt von olivefarbenen Kampfanzügen des Militärs. Im Streik befindliche Palästinenser beargwöhnen die Szenerie. Handzeichen und schnipsende Finger lassen die Gruppe der Beobachter schnell anwachsen.
Die Politik verbindet die orthodoxen Stränge, - wie man Wunden isoliert. Ihre paradoxe Arbeit besteht darin, turmhohe Gläserstapel mit Wasser auf einem Tablett durch das überfüllte Lokal der Zeitgeschichte balancieren zu müssen, um damit alle gleichbedeutend und separat zu verköstigen. Essen und Trinken ist nicht von so großer Bedeutung. Von großer Bedeutung ist es, nicht aufgefressen zu werden. Konservatismus ist in diesem Land tödlich, Bewegung ist die einzige Überlebenschance. Doch welche Bewegung? Der alle jüdischen Bevölkerungsgruppen verbindende Kanal ist die biblische, heilige Sprache. Die Radio-Mittelwelle schenkt dir arabische, fröhliche Musik, die nahe Ultra-Kurzwelle liefert dir das Wort. Die Herkunft der Menschen aus den verschiedensten Kulturen, gepaart mit den Sprachen der orthodoxen Grundlagen, bedingen zunächst die babylonische Sprachverwirrung. Bestenfalls münden sie in eine geordnete Diskussion über die Definition des Verhandlungsthemas ein, um nach geraumer Zeit die eigentliche Verhandlung der Sachverhalte aufzunehmen.
Der Sonnenuntergang lässt den Ausgang des Tunnels, einst eiserne Grenze, golden erscheinen. Atmender, heiliger Platz vor der Klagemauer. Eine Kurzatmigkeit stellt sich jedoch inmitten der Gebete der Pelzmützen ein. Sie klagen immer noch. Fuchteln zuweilen spastisch wiegend die Hände, rhythmisch beugend ihre Körper. Den männlichen Touristen im abgegrenzten Heiligtum fliegen im Abendwind ihre Pappkappen vom Kopf.
Pampelmusen im grünen Umfeld der Blätter glitzern in der Morgensonne und fordern zu Handgreiflichkeiten auf. Tonfetzen amerikanischer Filme wabern durch die Terrassentür nach außen und mischen sich akustisch mit dem ständigen ab- und zunehmenden Heulen der Polizeisirenen. Präsenz will gelernt sein. Erst diese Laute aber scheinen die neblige Stille des Passahmorgens verdeutlichen zu wollen. Der arabeske Fliesenteppich unter dem Frühstückstisch, Resultat eines Fischzuges auf den Müllkippen morbid gewordener arabischer Häuser, der dampfende türkische Kaffee, kulinarisches Überbleibsel einer vergangenen Besatzungsmacht und die für Nachbarn verdeckten unkoscheren Brötchen auf dem gedeckten Tisch - ein nonverbaler Dialog.
Die erwartende Stille dieses Tages birgt flackernde Kinderaugen und die beginnenden Vorbereitungen des abendlichen Passah-Familienfestes. Erinnerungen an Heilig-Abendspaziergänge werden wach, an erleuchteten und geschmückten Fenstern vorbeizugehen, wohl wissend, welche mehr oder minder friedlichen Erwartungen für diesen besonderen Abend hinter den Mauern anzutreffen seien. - Die Fenster zeigen hier kein Leben, die Individualität verbirgt sich hinter Mauern. Das Gefühl eines Ausgestoßenen wehmütig in sich tragend, gleichzeitig die Chance verspürend, sich zu dieser eintägig zusammengeschlossenen Gemeinschaft zugehörig zu fühlen. Ich fühle mich wie ein Stadtstreicher, der sein eigenes kleines Feuerchen unter der kalten Brücke zu entfachen sucht.
Seine Angehörigen beim Osterfest wähnend, soll die Stätte Tagesziel sein, die an Weihnachten das Geschichtszentrum bildet. Nicht der Tod und die Wiederauferstehung sollten diesen Tag prägen. Nicht dieses Verschmelzen mit den Busladungen stattfinden, die den Jahrestag an den Originalstätten jahrmarktmäßig begehen: Die Geburtsstätte jenes Kindes soll aufgesucht werden, das Anlass zu einer neuen Zeiteinteilung gab. Die Form der Preisung dieses Ereignisses deckt sich mit der Qualität der Anpreisung dieses Ortes im Reisehandbuch.
Die gegenwärtige politische Situation dämpft jedoch diesen lockenden Ruf, lässt meinen Wunsch bezweifeln. Man ist im Besatzerland und will in das Land der Besetzten. Will eine Grenze durchfahren, die laut Gesetz der Besatzer auf Landkarten und in Schulbüchern nicht mehr gedruckt werden darf. Die Grenze ist aber in den Köpfen vorhanden, an den Straßensperren ablesbar. „Grüne Grenze", - das farbliche Attribut gibt Anlass zur schwachen Hoffnung einer positiven Veränderung dieser Be- und Abgrenzung. Das hilflose Paddeln in mir nicht verständlichen Hieroglyphenlandschaften, das abstrakte, unengagierte, nur musikvergleichende Aufnehmen orientalischer Sprachen, lässt zunächst den Wunsch und die Neugier aufkommen, die eigene Sprache, die eigene Schrift ohne Sinn nur als Melodie oder als Bild verstehen zu wollen. Die Sprachform des Dadaismus oder technische Verzerrungen lassen dieses Ansinnen möglich erscheinen. Zu existenziell intensiv ist hier das Leben, zu unentwirrbar das Meinungsgewebe dieses Landes jedoch, so dass man verstärkt den Wunsch verspürt, die verspiegelte Sonnenbrille dieser Kommunikations-Situation entreißen zu wollen, um die Möglichkeit wenigstens zu erhalten, in das Zentrum der nonverbalen Äußerungen zu blicken.
Die allabendlichen Fernsehaugen liefern verzweifelte Menschen. Zu lange Sequenzen. Der Sinn bleibt ohne Sprache verborgen, Ahnungen lassen eine Übersetzung anfordern. Verübte Morde an den Besatzern, Ausgrenzung der Besetzten. Bauwirtschaftsnotopfer der Grenzer und Warten auf Arbeit auf dem Bau der Begrenzten. Schaukel der Macht. Die „Grüne Grenze" wird auf unbestimmte Zeit schwarz eingefärbt. Meine Hoffnung auf Veränderung wird mir etwas später, wie zum Hohn, mit akribischen Grenzkontrollen quittiert.
Die harte Federung des Busses fordert die baumelnde Marienstatue am Rückspiegel zum Tanze auf. Verhaltensregeln in wellenschäumender arabischer Schrift, das Konfirmanden--Konterfei einer lokalen Fußballmannschaft, der Notausstiegshammer umkränzen den Fahrersitz. Der Blick des Fahrers im Rückspiegel reiht sich in den unbeweglichen Zierrat seines Cockpits ein, hält sich bei der Prüfung seiner Fahrgemeinde an drei buntgekleideten Touristen fest. Nonverbale
Aufforderung und gleichzeitig Frage. Die Erfahrung mitteleuropäischer Zielansteuerung von wichtigen Zentren und diesem bohrenden Spiegelblick in die Waagschale der Beurteilung werfend, lässt als Ergebnis den Reiseführer behänd zücken und die bunte Fracht anschließend fliehkraftmäßig den klapprigen Türen entsteigen. Der Bus schwenkt mit seinen getragenen Farben in eine Linkskurve, lässt unser Ziel am Wegesrand liegen. Der Bergschatten der Stadt lobt überschwänglich die sonnendurchflutete Ebene seines Zielortes.
Schattiger Anstieg gemessenen Schrittes, flankiert von Kaffeedampf und prüfenden Augenpaaren. Der eigene, unsichere Blick sucht die Akzeptanz in form eines entwaffnenden Lächelns, wird mit neutraler, stoischer Interessiertheit quittiert. Dieser Einstiegsdialog zwischen Einwohner und mir lässt die Kongruenz von Kleidungsordnung der Besatzer und der eigenen durch den Kopf schießen. Hier reicht das Baumeln einer Brille am poppigen Halteband, um die Zugehörigkeit eines Volkes zu signalisieren. Bespickt mit den Piktogrammen westeuropäischer Prägung, bleibt mir die Hoffnung, dass die Gastgeber aus den Zügen meines Gesichtes die richtigen Schlussfolgerung ihrer Beurteilung ziehen. Gelbe Nummernschilder der Besatzer reichen als Aufforderung aus, die Reifen der jeweiligen Fahrzeuge aufzuschlitzen. In den Gesichtern scheinen ebensolche Kennzeichen eingebrannt zu sein.
Zwei sonnenüberflutete Kegelplateaus ragen aus der sanft hügeligen Wüstenweite heraus; Brennpunkte einer Gebietsellipse, deren äußere Umrandung man auch als die, ein Brennglas auf eine gemeinsame Geschichte umschließende, begreifen kann. Einerseits das Marktplatzplateau der sich am Berg anschmiegenden Stadt Bethlehem, Busendstation des organisierten Reisens im besetzten Gebiet der Westbank. Gegenüberliegend der in die Bergspitze eingefressene Palast, am Bergplattfuß autofreie Parkplätze. Schon die Übersicht vom jetzigen Standpunkt aus auf die umgebende sanfte Wellenlandschaft lässt, angesichts des aufragenden Bruderberges mit seiner geologischen Affinität und mit der gleichen kleinen Hochebene, die Sehnsucht wach werden, dem Weg des Busses, der mich eben hierher führte, zu folgen. Die kämpfenden Krieger auf der erworbenen antiken Römermünze versetzen mich in vergangene Zeiten, lassen die geschichtliche Affinität beider Orte aufspüren. Hier die armselige Krippenhöhle und Geburtsstätte jenes Kindes, das Anlass zu einem flächendeckendem Kindermorden innerhalb dieses Ellipsengebietes gab. Dort die protzkräftige Palastanlage jenes Herrschers, den man Heldenspross nannte, der dieses Edikt zum Mord seinen Untergebenen zur Ausführung übertrug. Zwei sich anstarrende Geburtsstätten, die der Hoffnung und der des tod-bringenden Machterhaltungstriebes. Geologisch wie inhaltlich die gleiche Ebene. Auf gleichem Niveau geschaffene Bergspitzen, - anschauliche Nullnivellierung einer Waage der Macht von Hoffnung und Herrschungsgier.
Die Kuben der Reisebusse bauen sich als ein mächtiger, mobiler Vorort der Geburtskirche auf, bilden ein bedrängendes Labyrinth. Der einen Wachturm umschließende Drahtkäfig reiht sich in diese Vorplatz-Kuben ein, hat die Qualität eines zur Gebäuderenovierung benötigten Gerüstes. Verschleierndes Provisorium, Installation der Macht auf Zeit. Wachturmaugen und die zahlreiche und kauflustige Touristenfracht verhindern aufgeschlitzte Reifen dieser Vorstadt.
Aus diesem werbefarbenen Vielerlei der Busse wird dem Marktplatz schwarz gekleidetes Siebgut freigegeben, Palmwedel schwenkend. Dieses Szenario verstärkt meine Ahnung, den richtigen Weg eingeschlagen zu haben. Im Organismus dieses Vororts provanisieren Lärm und Gestank der laufenden Motoren das erwartende Gefühl, einen heiligen Ort betreten zu wollen.
Der Türsturz in Augenhöhe verhinderte in der Vorzeit das Einfallen zu Pferde, zwingt nun zum demütigen Eintritt in die Halle. Zahlreiche und zahlkräftige Pilger und andersgläubige Streitmächte fanden jedoch im Läufe der Jahrhunderte durch dieses Loch ihren Zugang. Als vernarbte Kerben in der Rinde dieses Gebäudes sind die Zeugnisse der demutsvollen Zerstörung der Pilger und der schleifenden der Gegner ablesbar.
Der Pulsschlag dieses Ortes wird bestimmt vom Wechselgesang des fähnchenhaltenden Vorsängers und dem kommentierenden Sprechgesang des Touristenchores. Der käufliche Erwerb des Allernotwendigsten vor dem Allerheiligsten sorgt für Kurzweil. Heiliges Wasser und Öl wird der noch wartenden Menschenschlange als neue Trophäe hochgehalten, heilige Kreuze und Kerzen sind in der heiligen Plastiktüte erträglicher. Der Quereinstieg in diese Warteschleife beschert mir eine verkürzte Wartezeit, die heimische Sprache und das herzhafte Gähnen gerade in Israel gelandeter Osternkonsumenten. Der lockende Ruf des Reisehandbuches findet hier seine organisierte Befolgung. Fotoapparate drücken sich in meinen Rücken, fordern ungeduldig zur unverzüglichen Landeroberung des mittlerweile vor mir freigewordenen Meters auf. Deutsche Gründlichkeit bei gleichzeitig technischer Versiertheit lassen die nackte Glühlampe über dem Grotteneingang von Jesus Geburtshöhle bemängeln. Sie beleuchtet das unsichere Eintauchen in ein unbekannten Bauch. Die Informationen des Fähnchenschwenkers werden durch die nun handgreiflich- schiebenden Menschenschlange und der dadurch notwendigen Konzentration auf die Abwehrarbeit aus dem Gedächtnis verdrängt, so dass man beinahe unversehens und unwissend durchs Allerheiligste stapft. Doch jäh und ruppig werden die Eindringlinge vom schwenkendem, dampfendem Weihrauchkübel zurückgewiesen, zum Innehalten ihrer expansiven Vordränglichkeit gezwungen. Purpurne Vorhut, mit einem klapperndem Zeremoniemeister an seiner Seite, im Zentrum des Gefolges die alles überragende Patriarchenmütze. Die Dauer der Segnung aller Plätze und Menschen versetzt mich in die Lage, die Touristeninformationen in Ruhe Revue passieren zu lassen, den Krippenplatz und den Bethlehemstern als Bild in mich aufzunehmen. Der Reiz, die Koordinaten in ihrer Kreuzung sich treffen zu sehen, eine abstrakte Geschichte auf einen realen Punkt zu bekommen, ist befriedigt worden. Die Geschichte aber bleibt, erzeugt immer noch dieselben Vorstellungsbilder.
Im Hauptverkehrsweg der Busvorstadt, mitten in den Strom-schnellen der Touristenschuhe liegt eine kleine braunschwarze Schuhputzinsel, deren Verwalter in allen nur erdenklichen Fremdsprachfetzen zur Reinigung der beanspruchten Gehwerkzeuge auffordert. Der Staub und Schmutz der letzten Wochen, das entwaffnende Lächeln und die Möglichkeit zu einem Gespräch begründen mein Entgegenkommen, lässt dieses gar notwendig erscheinen.
Die Betätigung einer Fahrradklingel an der Seite seines Schuhputzkastens und die anschließende Kreuzung zweier fragender Blicke, weisen mich, als einen der Regel dieses Schuhputzvorganges nicht mächtigen aus. Das Standbein wird zum Spielbein, die Creme muss einziehen. Die vormalige Hoffnung auf Erkennbarkeit meiner europäischen Herkunft wird mit seinem Versuch, mich in allen möglichen nordeuropäischen Sprachen eigensprachlich zu erreichen, positiv beschieden. Nach dreimaligen Wechseln meiner Standposition ist er am Ziel seiner Bemühungen. Als Ausweis seiner Zuneigung dienen Dutzende von Briefen und Postkarten, die ihn wiederum als begehrte Person der nördlichen Halbkugel ausweisen. Die Verbindung ist hergestellt, besiegelt mit zwei starken türkischen Kaffees in seiner Wohnhöhle. Die einfallende Sonne durch die offen-stehende Tür, eine nackte Glühlampe und die flackernde Flamme seines Spirituskochers speisen das Gewölbe mit Leben, erhellen die karge Einrichtung seines steinernen Beduinenzeltes und Halden heiliger Bethlehemskreuze. Dieser Kellerraum ist Informationsdrehscheibe für ausländische Korrespondenten und Sammel- und Ausgabestelle archäologischer Funde. Von hier aus wird das Ausland mit antiken Münzen und Öllämpchen versorgt, Zusendungen bunter Kleidungen für seine Kinder als Gegenwert.
Die Informationsdrehscheibe des Schuhputzers setzt sich in Bewegung, um mir meine motorisierte zum Berg des Herodespalastes zu ermöglichen. Ich sitze auf einem Hocker aus Holzskelett und zwei sich kreuzenden Stricken als Sitzfläche, neben mir der Schuhputzkasten im Labyrinth der wartenden und ausdünstenden Busse. Mein Warten auf die ausstehenden Reiseinformationen wird zunächst mit der Aufforderung eines herantorkelnden, betrunkenen Mannes „belohnt", seine verstaubten Schuhe putzen zu müssen. Beeindruckt von der mir entgegenkommenden Aggressivität und den gespeicherten Verhaltensregeln meiner Freunde im Hinterkopf, wienert nun ein Europäer in der sengenden Mittagssonne auf dem Marktplatz zu Bethlehem die Schuhe eines Einheimischen. Die Szenerie hat schnell ihre Zuschauer. Die Aufregung lässt das Erlernte, die Klingel zum Schuhwechsel zu betätigen, vergessen.
Im Widerhall der engen Gassenhäuser verdeutlichen die quietschenden Bremsgeräusche des baufälligen Kleinwagens akustisch die steile Talfahrt. Mischt sich mit dem visuellen Eindruck des im Fahrtwind wild wehenden Palästinensertuches meines Fahrers zu einem Gefühlsgebräu, in ein verbotenes Land eingeschleust zu werden, sich seinem inneren Zustand dem labilen des Kleinwagens anzunähen. Selbst die vorbeifliegende Landschaft wird durch dieses Gefühl mit der wachsenden Überzeugung beurteilt, einen völlig anderen Charakter zu haben, als die kurz vor Bethlehem gesehene. Lässt durch die Aufnahme der übergroßen Gefühlsblende die in der Landschaft verstreuten israelischen Siedlungen, die zahlreichen Minaretts arabischer Dörfer und - Militärcamps zu einer architektonischen Konfrontation zusammenziehen, die menschliche besonders deutlich hervortreten. Mit jedem herzlichen Gruß des beduinischen Fahrers jedoch, den Eselstreibern, Taxifahrern und Bauern entgegengebracht und deren ebenfalls selbstverständliche Bestätigung, weisen ihn als Landschafts- und Menschenkundigen aus, - lässt meine Gefühle auf ein erträgliches, an die Normalität heranreichendes Maß, herunterschrauben. Die Ahnung, eine vertrauenswürdige Person an meiner Seite zu wähnen, findet am Fuße des Palastkegels ihre endgültige Bestätigung. Unsere Fahrt beschert mir eine touristische Bereicherung, meinem Fahrer die verwandtschaftliche Umarmung mit dem Eintrittskartenhausbesitzer. Das Aufregendste seiner Arbeitserrichtung ist im Heruntersteigen vom Dach seiner Aufsichtshütte anzusehen, auf dem er aus dem Drahtgestell einer Liege die Lagerstatt zum Verweilen durch den Tag her- und dem Sonnenstand ausgerichtet hat. Sehr viele aufregende Momente wird er am Tag nicht haben müssen. Der leere Parkplatz, optische Antwort auf die gegenwärtige politische Situation, lassen seine kurzweiligen Anstrengungen gerechtfertigt erscheinen, um wenigstens mir die Eintrittskarte zu entwerten.
Eine Garde von Jugendlichen bildet machtvoll die Zinnen des Palastes. Ein unvorhergesehenes Eingangskomitee, das all seine fremdsprachlichen Kenntnisse in die Waagschale werfend, durch die drängende Anbietung einer Führung den ersehnten Bakschisch erhofft. Meine Furcht fand während der Fahrt seine Begrenzung, das Unterbewusstsein antwortet jedoch spiegelnd meine eigentliche Situation und lässt mich das verdeckt freundliche lächeln eines Ostasiaten aufsetzen und meinen chinesisch anmutenden Wortschwall hören. Zu ungeheuerlich ist diese Kombination von eindeutig europäischen Erdmenschsignalen und dem perfekten asiatischen Kauderwelsch, als dass diese den Rückzug der Palastgarde verhindern könnte. Die kleine Palastrevolte hat ihr friedliches Ende, die Restaurierung der friedlichen Stille dieses Ortes ist abgeschlossen.
Der Rand des Palastkraters scheint aus dem Rahmen eines Trampolins aus horizontal-schwebender Ruhe zu bestehen, belastet von den vertikal-springenden Gedankenbewegungen. Lässt die sengende Hitze in den aufgeschlitzten Bauch dieser Palastanlage hineindrücken, um die eigenen Vorstellungen der Blütezeit dieses Organismus rauchfähnchengleich aus seinem Krater zu reflektieren.
Der aus der Ebene steil anwachsende Kegelberg als natürliches Tarnnetz, der Regierungssitz im Erdnest seiner Spitze, - Zeichen des Machtgedankens und der Angst um seine Erhaltung. Dieser Palast im Becken des Machtvulkans brauchte keine Außenfenster, hatte die natürliche Übersicht vom Kraterrand auf die Untergebenen. Forderte die Feinde nicht mit architektonischem Muskelspiel heraus, ohne den inneren Protz verschmähen zu müssen. Selbstbewusste Machtbeherrschung in einem Grabeshochsitz. Das Gedankentrampolin dieses Ortes lässt die geologisch-inhaltlich logische Kongruenz von Macht, Aufstieg und Verkriechen, nun mit der horizontalen Ebene der absoluten Grabesstille geschichtlicher Vergangenheit kreuzen.
Mir wurde zu den Eingeweiden des Berges die Schlüsselgewalt übertragen. Abstieg in den Nervenstrang des Palastes, der mit dem gespeichertem, überlebenswichtigen Wasser das Herrschernest versorgte. In seinen riesigen Steinblasen sammelte sich das durch den Berg gefilterte Wasser, ließ die Wüstenbergoase autark werden. Selbst die für die Körperpflege benutzte Wanne konnte lustvoll gefüllt werden, mit dem Wissen, jeden Tropfen des himmlischen Angebots aufgefangen zu haben. Heute ist dieses Wissen ausgetrocknet, übernimmt der Busen einer Computersteuerung die flächendeckende Speisung des Landes mit Nährstoffen. Der in den Berg gehauene Organismus nimmt heutzutage die Gestalt eines netzartig verstrebten Kunststoffschlauchsystems an. Heutiger Fort-Schritt bedeutet Rückbesinnung, Annäherung an das Wissen einer 2000 Jahre alten Kultur, und programmiert den heutigen Kampf des Menschen um seine Lebenserhaltung in diesem unwirtlichen Wüstenlandstrich.
Die geballte Lichtenergie, der im Krater gefangenen blendend gleißenden Sonne und ihrer Reflektion im weißen Kalkstein-Palastfußboden, baut eine undurchdringliche schwarze Mauer am Eingang der Zisterne auf. Der ausbleibende Touristenstrom bewirkt auch das Ausbleiben des Stroms der elektrischen Beleuchtungsanlage. Wie zum späten Hohn der Geschichte wird als Instrument der Wegerhellung des Gängelabyrinths, die für die Verwandtschaft in Bethlehem gekaufte heilige Kerze defloriert. Die zu Ehren eines Kindes gegossene Kerze wird im Palast seines Verfolgers angefressen, wird dadurch die Leuchtdauer des heimischen Krippenplatzes am Weihnachtsabend mindern. Der alpine Abstieg in das Herz der steinernen Blasen beansprucht zudem die Oberfläche dieser Kerze derart, dass auch der Rest aller weiteren heiligen Informationen des goldimitierten Abziehbildes letztendlich abgewetzt sind.
Säulenstumpfreihen umfassen das römische Swimmingpool, das sich am Fuße des Herodesberges wie ein antikes, lustvolles Belagerungscamp ausnimmt. Riesige Fernrohre im unmittelbar benachbarten Militärcamp machen sich die Fußanhöhe des Kegels zueigen, die Wüste, die umliegenden Siedlungen nach, nicht den eigenen Vorstellungen übereinstimmenden Bewegungen, zu fahnden. Im gemessenen Abstand des antiken Machtzentrums des Kraterpalastes ist ein aktuelles auf Zeit installiert worden. Schnell können Fern- zu Kanonenrohren werden. Richtungsgegenbewegung der Blicke; die der touristisch staunenden, - der Silhouette des Kegelberges entlanggleitenden in den tiefblauen Himmel, die der spähenden in die von der Spätnachmittagssonne orange eingetauchten Wüstenlandschaft. Farbgegenkontrast und gleichzeitig Nullpunkt der visuellen Eindrücke. Mitten durch diese Fußschwelle der Mächte fährt der Rückweg. Der Abschiedsblick folgt den Richtungen der Fernrohre, verfängt sich an der jordanischen roten Bergwand, hält sich an den blauen Lungenspitzen des Roten Meeres fest.
Ein weiterer Blick, den ich diesmal im Nacken zu verspüren glaube, lässt vom Fond unseres Wagens die kilometerlange Verfolgung eines anderen wahrnehmen und mein afghanisches Halstuch zu einem palästinensich-ähnlichem Kopftuch werden. Das Furchtgefühl, das mich beim Antritt dieser Fahrt bemächtigte, nimmt den Endspurt mit einer Tuchbedeckung auf. Verdeutlicht für mich die verdeckte Möglichkeit meines menschen- und orts-kundigen Fahrers, einen Gruß seinem Hintermann entgegenschicken zu können. Labiles Gleichgewicht auf ebensolchen Rädern, deren Lenker, auf eine mögliche Frage bezüglich meiner neuen Kopfbedeckung, die Erklärung des gesundheitsschädlichen Fahrtwinds bereitgestellt
wird. Im Seitenfluss des Bethlehem-Touristenstroms, der auf dem Marktplatz seine Mündungsarme ausbreitet, fällt jedoch meine orientalisch anmutende Verkleidung. Der touristische Seitenfluss wird zum Rinnsal, spült mich den Stadtberg hinunter und lässt mich in einer buntgekleideten Sammelpfütze auf den Überlandbus warten. Die vormalige Links- wird nun zu einer Rechtskurve, gibt den Bus aus der sonnen-orangenen Wüstenebene frei. Eine buntplakatierte Abziehbildgalerie umrahmt die zweigeteilte Frontscheibe, fesselt derart meine Aufmerksamkeit, dass die sich wandelnden Bildinhalte der entgegenkommenden Stadt zur Nebensache verkommen. Die Dechiffrierarbeit, welcher Fanmitgliedschaft der abgebildeten Fußballmannschaften dem Fahrer zuzuordnen seien, dieses hilflose Schwanken der Vermutungen, gleicht der Hügellandschaft der nun erreichten goldenen Stadt Jerusalem
Besonders eine Domkuppel, die dank der weltislamistischen Glaubensbrüder momentan zur Restaurierung mit einem Baugerüst versehen ist, verleiht der heiligsten aller Städte dieses Attribut, lässt dem greisen Haupt der biblischen Stadt eine goldene Strickmütze aufsetzen. Sie überragt die Heerschar ehrwürdiger Steinkuppelglatzen und den aktuellen Bürstenhaarschnitt von Sonnenkollektoren und Brauchwasseranlagen auf den Dächern moderner Gebäude. Eine in Vierteln aufgeteilte Stadt, die Bezeichnungen von Nationen und Glaubensrichtungen in ihren Vornamen. Schlüge man einen Zirkel, stünde geometrisch mehr als ein volles Ganzes als Resultat zu Buche, erhielten die Stadtteile eher die Bezeichnung Sechzehntel.
Jerusalem ist ein milchheller Architekturorganismus, der mit seinem weißen Kampfanzug sich farblich mit der Kalksteinhochebene verschmilzt. Jahrhundert Jahre alte Bestimmungen verpflichteten die Baumeister zur Verwendung nur des einheimischen Steins und damit zur außerordentlichen Materialdisziplin. In dieser Begrenzung lag und liegt die größtmögliche Freiheit der Gestaltung, die im architektonischen Gesamtbild, die gebrochenen, behauenen und geschliffenen Kalksteine als Edelsteine erkennen, die Stadt zu einer weißen werden lässt. Ein Superangebot der Natur und der politischen Verantwortlichen an die Baumeister, unter Verwendung einfacher Module des heimischen Materials auch zu einer Klarheit von Architektur zu gelangen. Förmliche Lust an klarer Architekturäußerung
scheint selbst dem aktuellen Hochhausbau zu unterliegen, lässt die, mangelnde Materialvielfalt völlig vergessen, die architektonischen Saltos anderer Metropolen unsanft auf die Erde knallen.
Jeder wollte bis zum heutigen Tage am heiligen Kuchen teilhaben, um mit stattlichem Bauch und selbstdekoriert-schwellende Brust wieder dem heiligen Boden beglückt zu entschwinden. Eine ausgehöhlte Goldgrube, aus der man seine Sehnsucht scharrend nährt, auf ihrer Abraumhalde die eigenen Insignien als Wiedergutmachung hinterlassend. Jerusalem ist eine von heiligen Stollengängen unterhöhlte Stadt, jederzeit bereit, Einbrüche und Setzungsrisse des Organismus hinzunehmen. Die Tore des steinernen Stirnbandes am greisen Haupt dieser Stadt sind Schleusen, in deren Flutkammern Begegnungen gegenseitiger Ergebenheit stattfinden.
Der Überlandbus entlässt seine kleine, bunte Fracht am Haupttor dieses Stirnbandes, an dem Kaiser, Könige, Edelleute und weniger edle Leute in ergebener Haltung die Ergebenheit dieser Stadt zu ihren Füßen antrafen und treffen. Unterhalb des Tores, dessen Vorname den Tourist mit dem Frucht-Exportschlager Israels verbinden lässt, schnitt eine Baggerschaufel den haushohen Erdkuchen an und bietet mir dadurch an seiner Schnittfläche die antiken Ingredienzien zum Naschen feil. Unter den gestrengen Schlitzaugen der Zitadelle König Davids und den, von der Abendsonne gekniffenen Augen arabischer Postkartenverkäufer, picke ich fiebrig das antike Orangeat aus dem Erd-Schichtkuchen heraus. - Nun reihe ich mich selber in die unendliche Schlange von Goldgräbern ein, höhle die geschichtliche Erde aus und reiße damit Geschichten dieser Stadt an mich. Aus der Halde achtlos weggeworfenem Unrats wird als Wiedergutmachung eine für den Schatztransport benötigte Plastiktüte recycelt.
Im Schleppnetz meines touristischen Schnelldurchgangs der Altstadt zappeln die Bilder der im Endspurt des Passahfestes sich befindlichen und autistisch sich wiegenden Orthodoxen an der Klagemauer, der positive Bescheid einer Taxierung meiner Münzen aus der Schuhputzerhöhle und Weihrauch, Myrre als Geschenk an die Verwandtschaft für die dunklen Tage am Jahresende. Der Abschied vom Altenteil Jerusalems wird mit einem klebrigen, zu süßen Gebäckteilchen und dem frisch gepressten Orangenfruchtsaft am Jaffa-Tor ordnungsgemäß begangen. -
Die Henkel meiner von Scherben, Mosaiksteinchen, Gläsern und Öllämpchen gespannten Cellophantüte werden auf dem Nachhauseweg mit jedem meiner rhythmischen Schritte in die Länge gezogen, lässt mich die weichen Schritte von asiatischen Lastenträgern annehmen. Meine laufende Diskussion, welche weiteren unterstützenden Maßnahmen wohl zu bewerkstelligen seien, wird mit dem Reißen eines der Henkel jäh beendet und lässt mich den Heimweg im Fond eines Taxis fortsetzen.
Das fahle Mondlicht im Dunkel der Nacht trennt das Gewachsene von seinen Wurzeln, lässt das Eigentliche kontrastreich hervortreten. Der arabeske Fliesenteppich auf der Veranda wird in seinem weißen Passepartout zu einem angelegten, schwarzgrundigen Teich, mit verschiedenfarbigen Seerosen in seinem Spielfeld. Die Pampelmusen in ihrer dunklen Aura, zu grell-grünen Tennisbällen, die in einer unsichtbaren Maschendraht-Übungswand sich zu verfangen scheinen haben. Das Zipfelmützenhaus gewährt mir durch die erleuchtete Terrassentür den Eintritt, lässt mich in seinem Inneren die Erfüllung dieses Passahfestes in den Kinderaugen und auf der reich gedeckten Abendmahltafel ablesen.
Das Dessert ist die Gelbschaltung meiner Aktionsampel und signalisiert das unverzügliche Aufnehmen meines eigentlichen Hauptspeiseganges. Alle Regeln der Gastfreundschaft außer acht lassend, gehe ich im Antikrausch rotköpfig zur Waschung der Scherben über, zu Füßen der Gastgeber auf dem Wohnzimmerboden. Die gleichgültige Haltung, das wehmütige Lächeln, vom Auditorium der Polstergarniturarena dem knienden Anbeter antiker Scherben herabgeworfen, ruft dieses, bei der Grabung am Jaffa-Tor eigenartige Gefühl wieder in die Erinnerung zurück: Kein Postkartenfeilbieter tadelte meinen Räuberzug und die allgegenwärtige Polizei unterband nicht mein frevelhaftes Tun. Zu groß ist das hier zur Verfügung stehende Angebot von Heiligkeiten und Scherben, Geschichte und deren Abfall dieses Landes; die heutige Zivilisation ist reichhaltig auf Scherben alter Kulturen aufgebaut. Da knie ich nun vor meinem Scherbenhaufen, achselzuckend und doch beglückt: - Wieder diese beidseitige Ergebenheit!
Verwertbare Informationen werden heute im Bucheinband aus Plaste verwahrt. Einer der Schatzkisten im Bücherregal birgt die Videoaufzeichnung eines mitternächtlichen Interviews mit einem Popstars. Festgehaltene Weltbilder eines spastischen Rudergängers, der in der nächsten Sequenz seinen atemberaubenden „moon walk" zelebrieren kann. Ganz Bühnenmensch, auf der Ebene seiner
Zuschauer pubertär. Generator von Energien einer ganzen Generation. Das Kinderzimmer des Zipfelmützenhauses ist postertapeziert mit diesem Idol. Man muss sich
einschwören auf ein Fachgebiet, Fan einer Sportmannschaft, Anhänger einer politischen Partei sein, um selbst in seinen Äußerungen mut- und sicherheitstrunken für die Außenwelt aufführreif zu erscheinen.
Aus der Arena werden die toten Scherben getragen, in den Katakomben der Mitternacht aufgebahrt. Das Teppichforum ist nun Zeuge exakt einstudierter Wiedergaben der Bewegungsabläufe eines Videovorbildes. Der Idol-Generator verleiht einem pubertären Jugendlichen die Bühnenreife, verleiht derartige Energien, dass die motorische Umsetzung der eingeschobenen Musikkassettensongs bis zum letzten ausklingenden Ton spannbogenmäßig gehalten wird. Huldigung eines Idols bei gleichzeitiger orientierender Voll-Kraftnahrung für den tristen Alltag eines Jugendlichen, der auswendig die Video-Clips-Partituren beherrscht und gleichzeitig in diese eine Weltanschauung projiziert. Im Hut, notwendiges Requisit seiner Vorstellung, verfangen sich ein paar Schekel.
Die heimische Radiowelt hat mich nach einigen Wochen der sanften arabischen Musikwellenrezeption wieder mit ihrem rheumatisch gekrümmten Zeigefinger gelockt, bereitet mich unsanft auf die Stakkato-Musikbrandung in der Heimat vor.
Über die Stuhllehne werfe ich meine staubige Jacke. Aus der vom antiken Unrat gebeutelten Tasche gleitet der zerknitterte Stadtplan. Die Kreuzungen der Faltung und Findungskoordinaten bekamen heute zahlreiche Geschwister