Harald Jegodzienski
Weiße Nächte

St.Petersburg
2003

Auf dem Wassertischtuch bist Du groß gemocht getäfelt,
Dein schichtender Atem strömt zauberhaft süß verfault
aus gebrechlichen Fugen.

Wie Rippen eines Blattes verlaufen Deine tosenden Nervenstränge,
kreuzen sich mit Deinen in rosa Granit gefassten Wasseradern
und auf krustig schwarzen Pfählen sind Deine Paläste gegründet.

Du bist so mitreißend melancholisch, ernst und traurig,
so nostalgisch rückwärts gewandt.
Deine respektierliche Position wird in schweren Farben aufrecht gehalten.

Gedankennest vom 13. Juni 2003

 

Ich bin angekommen. In einem Land, in dem man uns Lateiner das „y" dem „u" vormacht, wo erst Mitte Juni der Blütenstaub Regenpfützen marmoriert und die Nächte in dieser Zeit als weiß erklärt werden. In einer Stadt, die am Reißbrett vor 300 Jahren erfunden und in den letzten allgemein gültigen Stilen (Barock, Rokoko, Klassizismus, Gründerzeit und Art Noveau) in einer verschwenderischen Großzügigkeit erbaut wurde und sich in einer verblüffenden Einheitlichkeit präsentiert.

Im „Art Noveau", dem „neuen Stil" vor exakt 100 Jahren, wurden die letzten stadtbild-prägenden architektonischen Formulierungen gesetzt, - wo aber bleiben die heutigen, neue Ideen? (Die sozialistischen „Paläste" aus der Stalin-Ära ordnen sich nahtlos in die o.g. Reihe ein, geprägt von der Qualität und dem Formenkanon der aufgezählten Stile). Baumeister jeglichen Couleurs haben sich bis dato gegen das „Neue" gewehrt und den morastigen Untergrund als Verweigerungsgrund dem Neuen gegenüber vorgeschoben. Dies ist einer der Gründe, warum Moskau die Hauptstadt wurde. Dort lebt sich das Neue aus. Junge Menschen zieht es nicht von ungefähr scharenweise in die Hauptstadt. Hier jedoch wird z. Zt. ein erbitterter Kampf gefochten: Soll das zu klein gewordene Theater durch ein Historismus-Neubau, oder durch ein Gebäude mit den Ideen der Jetztzeit erweitert werden? Ist dies, - als Beispiel -, eine Rückbesinnung auf Bewährtes, Fehlender Mut oder eine Neubewertung, in dem man Altes pflegt?

Parolen und Propaganda sind ausgesetzt. Eine klare Sicht ist gegeben, Ansichten und Einsichten werden präsentiert. Wenn Petersburger ihre eigene Stadt porträtieren, geschieht dies im höchst möglichen Kontrast. Die in 40 Jahren festgehaltenen Szenerien strömen eine unbändige Melancholie in schwarz und weiß aus. Und zur Unterstützung der Grundstimmung wurden durchweg die Fotografien im Nebel, Regen, Dunklen oder Dämmerung aufgenommen. Eine Bestandsaufnahme der Befindlichkeit der Einwohner von St. Petersburg in beredter Nichtfarbigkeit.

Sieht das Leben wirklich so farblos aus?

Farbe wird mit Hilfe der prächtigen Fassaden dieser Stadt in das graue Alltagsleben hineingepflanzt. Doch selbst Paläste tragen schwere Farben. Zum 300. Ehrentag Petersburg wurden seine Fassaden fein verputzt, geschmirgelt, gespachtelt und gestrichen. Jedenfalls ein großer Teil der Gebäude. Ihnen wird angesichts der Feuchtigkeit dieses Landstrichs es in Bälde so ergehen, wie der Mehrzahl seiner blätternder Geschwister.

Wir stürzen uns also in das farbige Leben, gekennzeichnet durch eine verschwenderische Großherzigkeit, Kontakt- und Trinkfreudigkeit der Einwohner. Die hört aber schlagartig auf, wenn man nicht die Schönheiten ihrer Stadt studiert, sondern die stummen, schimmelnden Zeichen abblätternder Häute verwesender Bausubstanzen. Die Polizei würde ansonsten geholt. Die Spuren dieser Stadt werden trotzdem aufgespürt, machen durch diese Begebenheiten erst besonders neugierig.

Jeder Ort hat seine spezifischen Strukturen, Farben und Klänge. An den jeweiligen Orten, wo man sich befindet, ist man mit ihnen verwoben. Sie sind nicht nur Zeugnisse für die äußere Erscheinung, sondern auch Schlüssel und Verweise für die innere Befindlichkeit dieser Orte.

Reflektieren wir also diese Orte, muss man sich also auch mit diesen Strukturen, Farben und Klänge auseinandersetzen. Die Reflektions-Ergebnisse sind schließlich Destillate verarbeiteter Realität, eine Art persönliche Transformation und „Verdauungsvorgang" der Erlebnisse und gleichzeitig eine persönliche Pulsmessung, in diesem Fall der Metropole St. Petersburg.

Dieser Vorgang beschreibt eine Art persönliche Archäologiearbeit, ein persönlich gefälltes Reflektions-Lot dieses Ortes, - eine Freilegung des Eigen-tlichen. Durch diesen Vorgang entstehen neue Bedeutungen und daraus persönliche Deutungen. Es entsteht die Trennung von Wichtigem zu Unwichtigem.

Es sind Strukturen, die nicht von unikalen Vorkommnissen berichten, sondern an verschiedenen Stellen aufgespürt werden und damit allgemein gesicherte Spuren dieses Ortes sind und somit ein Schlüssel für das bisher Ungesehene darstellt. Ein überzeichnetes Beispiel: Unzählige Menschen jeglichen Alters zeichnen und malen ihre persönlichen Stadtwinkel. Das färbt ab, - denn an jedem Haus werden Information über die Tiefe der Versorgungsleitungen zu handnotierten, malerischen Gas- und Wasserzeichen.

Zwei weitere Beispiele: Die Kraft, die der Vodka hinterließ, kann man an den zerknautschten, demolierten, viel zu überdimensionierten, Dachrinn-Fallrohren ablesen. - Die Mitteilungsfront der Häuser verlaufen an den Einfassungen der Torbögen. Dort werden nicht flächig, sondern leimsparend in dünnen Spuren, die unzähligen Zettel (übereinander) angeklebt. Welch schichtendes Leimdripping, angereichert mit den farbigen Überrestfetzen der ehemaligen Nachrichtenzettel!

Petersburger sind stolz z.B. auf den hinterlassenen Katharinenpalast, - sie lieben dagegen aber den Pavlovschen Palast. Er ist nicht allzu protzig, unterstreicht nicht die götterhafte, sondern menschlichen Dimension, die für jedermann spürbar ist und so verstanden wird. Auch mir ist der Glanz und Gloria der Paläste unheimlich, vor dem Betrachtungsfolie des übergroßen Kontrastes -von der „Haut" zum Inneren der Gebäude. Angesichts des Höhlencharakters der inneren Gebäudeorganismen nehmen sich die wohlfeilen Fassaden wie Potemkinsche Dörfer aus. Mag der Glanz des Goldes, das Bernsteinfeuer noch so eindrucksvoll sein und die Palastarchitektur so edel sich präsentieren: Ich lese lieber in den Graffitis an der maroden Markthallenfassade.

In der beschriebenen Fotoausstellung, in einem der schmucken Paläste präsentiert, strahlt nur ein Foto Optimismus aus: In einem heruntergekommenem Treppenhausflur bestrahlt die Abendsonne einen Jungen, die durch Staken eines zerbrochenen Fensterrahmens gesiebt wird. Grafittis und das zumeist rohe Fleisch des Mauerwerks bilden die Aura der Öffnung, - ein Geländer gibt es nicht mehr. Die Arme des Jungen sind ausgebreitet, zum Empfang der wärmenden Strahlen bereit. Nicht wie in der Werbung, hoch aufreißend, sondern verhalten. Ein verhaltener Optimismus ist seiner Gestik zu entnehmen. Vielleicht erhellt sich ja schon bald die allgemeine Düsternis und die Nächte nicht nur in dieser Zeit, werden weiß ...