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Der Weg, die Spur und der Ton
 

Harald Jegodzienski

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Die aufrechtstehende Linie ist als abstraktes Signal für den aufrecht stehenden Menschen zu verstehen (E. Bloch). Und in der Tat: Steckt man einen nur einen Meter langen Stab in den Sandstrand oder auf eine große Wiese, dieser Stab lenkt sofort die Aufmerksamkeit des Betrachters auf sich. Es ist ein Signal des Gemachten. Liegt derselbe Stab auf dem Boden, ist er unkenntlich oder wird nicht beachtet. Genauso ist es mit dem stehenden Menschen. Er schläft nicht, er ist lebendig. Der gleiche Mensch könnte in die Horizontale gelegt, schlafen oder tot sein. Ein aufrechtstehender Stab suggeriert mit seiner kleinen Standfläche und dem damit verbundenen instabilen Gleichgewicht, eine Bewegungsvorstellung. (So gesehen kann man die spindeldürren Figurinen Alberto Giacomettis auch als Skulpturen mit einer großer Fernwirkung bezeichnen).

Mena, Saudi-Arabien -
rituelle Steinigung des
Teufels, symbolisiert
durch Säulen

Alles Lebendige hat mit Bewegung zu tun. Und wenn man der aufrechten Form Bewegung, Leben unterstellt und verspürt die große Chance auch so verstanden zu werden, dann ist es auch möglich, sich in der bildnerischen Formulierung abstrakt zu äußern. - Natürlich sind wir mit all unseren Sinnen in der Realität verankert. Dass bedeutet aber nicht, dass die Verarbeitung der Eindrücke der Außendingwelt qua Gesetz auch in derselben Real-Sprache formuliert sein muss, um die Erinnerungen verständlich machen zu können. Sicher könnte man behaupten, dass die Abwendung von Abbildhaltigkeit in einen wesenlosen Formalismus, in eine Spielerei, die sich mit sich selbst beschäftigt, und Subjektivismus münden könnte. Doch der „andere" Weg könnte so beschrieben sein:

Das Magma aufbewahrter Erfahrungen sinnen- und sinnreich in den Schaffensvorgang hineinzuarbeiten, der kein gegenständliches Motiv wiederholt, sondern den persönlichen Zugang, was einen etwas zu tun treibt und zwingt, offen legt. Dieser Arbeitsprozess ist mit einer Wechselwirkung von Vorhandenem (die Erinnerungen vorangegangener Prozesse) und Neuem zu umschreiben. Es ist eine Art Selbststeigerung im Prozess. Dieser Vorgang kann zu einer allmählichen Abtragung des Gegenstandes (Abstrahieren) über viele Wege und Umwege, schließlich zu einer eigenen Systematik etc. führen. (z.B. erkennt man in Kandinskys Bildern meist noch die gegenständliche Szenerie. Karel Appel von der Gruppe „CoBrA" benennt diese Art der Abstraktion mit „ursprüngliche Formen"). Emil Schumacher hat einmal formuliert: „Das Bild, das ich male, entnehme ich der Natur, ohne mich daran zu binden. Sie ist nur der Anlass, das nicht sichtbare Hintergründige darzustellen". Zwei Beispiele, was den Unterschied der Abstrahierung und dem Abstrakten betrifft:

* Man meint, die Fotografie als Ausbund der besten Realitätsübertragung wäre bestens geeignet, die realen Fakten abzulichten, z.B. in medizinischen Darstellungen. - Jede Uniklinik hat aber fest eingestellte ZeichnerINNEN, um für Publikationen und wissenschaftliche Arbeiten zur besseren Verständlichkeit der Sachverhalte diese per plakative Zeichnungen zu illustrieren.

* Selbst ein Metroplan von Paris ist besser zu lesen und übersichtlicher, wenn er völlig abstrakt formuliert ist. Eine Abstrahierung erzeugt Missverständnisse. Sie ist dann zu nah an der Wirklichkeit, meint: zu kompliziert. Wir brauchen das Abstrakte, um die Wirklichkeit besser verstehen zu können.

Darstellung
der sieben
Todsünden und
deren Bestrafung

Ein weiterer Aspekt: Realität ist so ungeheuerlich, so dass es vermessen erscheint, diese artifiziell wiederholen zu wollen. Hierzu ein Beispiel, dass die heftig geführte Diskussion über die Errichtung eines Holocaust-Denkmals in Berlin berührt (2001). Vor Jahren sah ich im Fernsehen Dokumentationsfilme über die Schließung der KZs durch die alliierten Streitkräfte. Was mir als besonders unfassliche Bilder in Erinnerung geblieben ist, ist die brachiale Kraft der Bulldozer, die Haare, Zähne und Schuhe der vergasten und ermordeten Juden zusammengeschoben hat, - um sie zu entsorgen. 1993 war ich in Jad Vashem, der zentralen Holocaust-Gedenkstätte in Jerusalem. Dort sah ich u.a. ein „armseliges" Häufchen (meint die Dimension und den Inhalt) aus Ton geformter Kinderschühchen. Ich hatte eine lachende Wut in mir angesichts dieses Versuches, das Unfassbare illustrierend-fassbar machen zu wollen. Nach dem Besuch dieser Gedenkstätte fragte mich ein polnischer Kollege, was ich von der künstlerischen Umsetzung von Gedenkstätten hielte. Meine Antwort war spontan: Es betrifft mich, aber ich bin nicht betroffen. Meine Gedenkstätte zu diesem Bereich ist "Schindlers Liste" in meinem Bücherschrank.

Wir kennen den Kampf der Maler, Realität einfangen zu wollen. Einer der Äpfel Cezannes´s ist im Endeffekt vielleicht 6.4 g Ölfarbe: Picassos aufgeklappte Gesichter berichten von dem Ansinnen, dahinterblickend zu wollen. Dahinter sind vielleicht 10,3 g Leinwand. Fritz Winter jedoch malte Spuren, Gesten in Farbe, er nennt sie z.B. „Triebkräfte der Erde" und kratzt und schabt und berichtet dazu, er wolle dahinter blicken. Das, was zu sehen ist, ist auch tatsächlich. Er wollte nicht darstellen, oder darstellend an etwas erinnern. - Ist nicht der „Naturalismus" oder „Realismus" das Ergebnis unserer Sucht, im erkennbaren Format von 1:1 die Erinnerungen wachrufen zu wollen?

Was wird heute als Realität erfahren? - Live-Konzert werden nicht mehr als „live" erlebt, sondern anders und unstimmig, da es von der CD abweicht, die man/frau von zuhause gewöhnt ist. Es hat sich etwas Grundlegendes verändert: Das Original wird zur Reproduktion. Und doch: Auch die schönste Beschreibung eines Kusses in Wort oder Bild kann nicht den real erfahrenen ersetzen oder gar wiederholen. Es wäre eine fade Erinnerung.

Interessant wäre in diesem Zusammenhang die Fragen, wie gehen wir mit stehenden und bewegten Erinnerungen um, also Fotografien und Videoaufzeichnungen im Vergleich mit Hörandenken? Kann man in der Ruhe der Papierfotos Bewegtes darstellen? Suggerieren nicht die bewegten Bilder von Videos eine größere Nähe von Bewegung und damit zum Leben, als Standfotos? - Zur zweiten Frage: Einige von Euch kennen einen früheren Seminarteilnehmer; er ist leider vor kurzem verstorben. Das erwähne ich deswegen, weil ein gemeinsamer Freund mir von seinem Erlebnis einer besonderen Erinnerungsform berichtete. Noch zwei Wochen nach seinem Tod war sein Telefonanrufbeantworter eingeschaltet. Der Freund wählte in dieser Zeit mehrmals die Telefonnummer des Verstorbenen an und sprach anschließend von einer geradezu umwerfenden Hör-Erinnerung.

Im Theater der griechischen Klassik berichtete man von dem Tod eines Menschen. Man spielte nicht den Tod. Natürlich gehen jetzt einem die zig-Toten an einem Fernsehabend durch den Kopf (Die meisten Kinder gehen laut einer Umfrage nicht davon aus, dass es einen natürlichen Tod gibt, sondern Menschen sterben durch Pistolenschüsse. Vielleicht brauchen wir den Kitzel, weil unser Alltag zu fad geworden ist). - Für mich ist es eine große Anmaßung, Realität festhalten und dazu noch statuarisch fest wiederholen zu wollen und damit der Welt mit Verniedlichungen bzw. Verkleinerung habhaft zu werden. Noch ein Beispiel möchte ich diesem Gedanken anfügen: Würde man nach den Bibel-Angaben von Gott ein Fahndungsfoto erstellen wollen, würde dieses Ansinnen zum Scheitern verurteilt sein. Trotzdem gibt es „Herrgottschnitzer", - nicht nur in Oberammergau.

Gipsform von Henry Moore
im Museum von Toronto

Ich möchte nicht jetzt die Maler gegen die Bildhauer oder umgekehrt aufhetzen, mit dem was ich jetzt sage (interessant wäre es zu er fahren, in welcher Zeit und auch
w e r diese Bezeichnung Bildhauer erfunden hat?): Ein naturalistisch malender Künstler muss sich immer mit Grenzen oder Begrenzungen abfinden. Spätestens am Keilrahmen hört seine Seligkeit auf. Der Bildhauer jedoch kreiert Werke mit dem Realitätsgehalt eines Elefanten, Mülleimers oder eines Zeppelins. Ich brauche bei einer Skulptur keine Übersetzung, sondern sie ist habhaft und begreifbar, wie jeder andere Gegenstand unserer Dingwelt auch.

In den achtziger Jahren fand eine beachtliche Ausstellung in Münster statt. Titel: „Die Farbe in der Skulptur". Hier konnte man die große Sehnsucht der Maler ablesen, zu „realen" Dingen kommen zu wollen. Und die Eindrücke der diesjährigen (1999) Art Cologne lassen sich zu der Aussage zusammenfassen, dass die Bedeutung der Skulptur zunimmt. Das war nicht immer so, nimmt man z.B. ein Kunstlexikon als Seismograph. Nur wenige BildhauerINNEN sind dort erwähnt.

Zieht man noch die Arbeiten von Henry Moore oder Hans Arp in unserer Diskussion um Bewegung zu Rate, die mit Löchern oder Durchblicken in ihren Arbeiten uns zum Durchschauen ihrer Skulpturen animieren, dann ist dieser Akt geradezu eine Aufforderung zum Tanz. Wir gehen um die „Rundumplastik", der Zuschauer bewegt sich, - grenzenlos.

Zur Bildhauerei auch einige provozierende oder vielmehr nachdenkliche Fragen: Ist eigentlich ein Schönheitschirurg nicht der avantgardistische Bildhauer, der Wissenschaftler, der Mensch, Tier und Gemüse etc. zu klonen imstande ist, nicht der aktuelle Skulpteur? Und in diesem Sommer (1999) strömten mehr als 700.000 Besucher in die Mannheimer Ausstellung des Anatom Gunther von Hagen. Ist nicht diese Welt seiner konservierten menschlichen Körper eine Ansammlung von Kunstwerken? Fast nichts fesselt Menschen mehr, als ihre eigene Hülle. So lässt z.B. die Französin Orlan seit Jahren sich operieren, um nicht schöner, sondern einzigartig, zu einem lebenden Kunstwerk zu werden. Sie möchte sich in naher Zukunft neben den schon implantierten Silikonhörnchen an ihren Schläfen, nun mitten auf der Stirn eine neue Nase einpflanzen lassen. Ein OP-Video kostet auf dem (Kunst-) Markt übrigens 8.000 Euro.

Oder: Der US-Künstler Steve Haworth lässt sich und seinen Kunden Stahlteile unter die Haut implantieren. Oder: Das Blut wird eingefärbt. Oder: Ein belgischer Mode Designer klebt seinen Models Beulen und unansehnliche Krater ins Gesicht und nennt diese Idee „Prothetik als Ästhetik". Oder: Im Sport wird gespritzt, geschnitten und gelitten, so dass auch hier immer wieder die Frage gestellt werden muss, was ist eigentlich künstlich, was ist real? - Vielleicht gehen jetzt manchem von Euch ein paar weitere Beispiele von designten Kunstgesichtern durch den Kopf, die durch die Medien huschen. - Der internationale Medien-Kunst-Preis 2003 kam aufgrund der Bild-Reflexionen der Videokünstler zur abschließenden Fragestellung: Ist nicht schon alles konstruiert, die Nachrichten, das Aussehen, die Märchen? Im Zeitalter der All-Machbarkeit wollen wir unser größtes „Drama", dass wir altern und letztendlich sterben müssen, aufhalten. - Wenn ich nachher zur „keramischen Haut" komme, werde ich die „Erd-Antwort" zu geben versuchen.

Kurz zurück zur malerischen Bildwelt, und schön, dass ich eben nebenbei den Satz gehört habe, dass das „schwarze Quadrat" von Kasimir Malewitsch kommen musste. Dieses Bild ist nämlich das was es ist: ein schwarzes, konstruiertes und in unserem Kulturkreis wohl verstandenes Zeichen auf einem weißen Malgrund. Malewitsch selbst formuliert es so, dass es eine bewusste Form mit dem Antlitz der neuen Kunst sei; also, dass dieses Bild als Neubeginn von Malerei zu verstehen sei. (Die Geschichte des „schwarzen Quadrats" könnte auch so geschrieben sein: Gesichert ist die Tatsache, dass Malewitsch, neben vielen anderen der russischen Avantgarde, neben der Orientierung an der westeuropäischen Avantgarde-Kunst die bildnerischen Wurzeln in der eigenen, nationalen Kunsttradition suchte. Malewitsch lehnte sich an die Ikonenmalerei an. Wenn man nun weiß, dass die Maluntergründe von Ikonen reine Schwarzfelder waren, könnte man behaupten: Malewitsch sei „lediglich" auf den Grund der Dinge gegangen, im Sinne vom eben zitierten Emil Schumacher). Hubertus Gaßner, Kunsthistoriker aus München, lässt den Gedankengang um Abstraktion in der Aussage gipfeln, dass sie, die Abstraktion, als eine Erlösung zu verstehen sei.

Trotz dieser „Erlösung" vor 75 Jahren wurde vor kurzem (1999) in der besten Lage der Kasseler Innenstadt eine (große) „Realismusgalerie" eröffnet. Ich empfand in diesem Raum eine bedrückende Atmosphäre: Hilfeschreiende, eingefrorene Bildkommentare mit der Hauptaussage, dass Zeit vergeht und dass alles endlich sei. Dieser Eindruck deckt sich mit den eben ausgeführten Gedanken über unsere „neuen" Körpererfahrungen. Vielleicht brauchen wir also doch realistische Bilder, um etwas Unvorstellbares, wie den Tod, begreifen zu können (z.B. bei Goya)?

Felsenstadt in
Atschbach (CZ)

Dabei fallen mir, neben dem Komplex der Fotografie, zwei Beispiele ein, wie wir ein bildnerisches Vokabular entwickelt haben, um mit Hilfe von naturalistischen Bildern etwas Unvorstellbares beschreiben zu wollen, um mit ihrer Hilfe auch Vorstellung ableiten, ablesen zu können/wollen. Zum einen ein Beispiel aus Terplice und Atschbach in Tschechien. Dort kann man mehrere Stunden durch die Schluchten einer kaum zu glaubenden Steinstadt und -landschaft wandern. Die Kraft und Energie ist geradezu erdrückend. Kleine Schilder mit dem Angebot und der Aufforderung, in diesen Steinformationen Bilder abzulesen, flankieren den Weg. „Rübezahls Zahn" und „Klavier", eine „Nonne", „Schildkröte", „Pinguin" und „Gnome" etc. sind dort zu bewundern. Man huscht von Schild zu Schild, und schließlich erstreckt sich das Ansinnen nicht mehr darauf, die Steinwelt auf sich wirken zu lassen, sondern wetteifert mit den Mitwanderern um die Richtigkeit dieser Angaben oder findet noch weitere Vor-Bilder. „Das könnte doch..."

Einblick in die Entwicklung
des Kosmos durch ein
Hubble-Foto

Das zweite Beispiel ist die „unfassbare" Sternenwelt und soll das Unterfangen beschreiben, der aberwitzigen Anzahl von Sternen „Herr" zu werden. Um dieses unvorstellbaren Komplexes habhaft zu werden, diesen in irgendeine Weise ablesen und damit erklären zu können, entwarf man Bilder wie den „Bären", den „großen Wagen" etc.. Der Mensch entwarf eine Folie mit Zeichnungen, die er dem „Chaos" überstülpte und nennt es seither einen Sternenatlas.

Das eben Beschriebene kann man auch als die Suche nach einer Ordnung beschreiben, um einen Konsens und eine Grundlage für weitere Erörterungen untereinander zu erreichen. An dieser Stelle schließt sich eine kleine Gedankenschleife an: Anfangs ging ich von der These aus, dass jeder von uns aufgrund von Erfahrungen unbewusst eine Auswahl treffen kann und, sofern er immer wieder darauf hört, sich auch darauf verlassen kann. Das heißt, die erste Frage lautet: Aus welcher Antriebskraft formuliere ich etwas, also bringe ich etwas in Form? Die zweite lautet weiterführend: Aus welchem Ordnungssinn organisiere ich meine Arbeit, respektive auch mein Leben? Wie kann ich meinen Einklang mit den Dingen, den Menschen bewusst herstellen und erfahren?

Nehme ich diese zentralen Fragestellungen vor dem Hintergrund des eben erwähnten eigenen Ordnungssinn ernst, könnte ich geradezu natürlich konstatieren: Ihr müsst Euren Weg allein finden! Da ich trotzdem meine Begleitung ein stücklang Eures Weges anbiete, liegt in dem „Ausweg", Euch Spiele anzubieten, die auf einen einsetzenden Prozess bauen. (Der Begriff „Prozess" wird später eine Schlüsselrolle erhalten).

Diesen Ordnungsgedanken aufgreifend, habe ich Euch vor einiger Zeit ein weiteres Spiel angeboten: Gleich einem Sternenhimmel weist eine Fotokopie-Spielfläche eine unübersehbar große Anzahl von schwarzen und weißen Flecken auf. Die Übersicht fehlt, und darauf baut gerade auch mein Spiel. Meine Bitte war dann, nun zum einen die weißen Flecken zu eliminieren, indem man sie schwärzelt, und umgekehrt die schwarzen Flecken weiß zu retuschieren, die einen ärgern oder wo man die Unwichtigkeit dieser Flecken einsieht. Jeder Flecken besitzt im Mikrokosmos seine Individualität, seine Gültigkeit (,wie ein Blatt eines Baumes). Nun aber zu entscheiden, welche wegfallen können, ist die wiederum ganz individuelle Entscheidung. Man sieht ja ein: So ein „Chaos" kann man nicht hinnehmen. Eliminiert man das, was nicht dazugehören will und baut das auf, was geschwächt ist und nur der Unterstützung bedarf, baut sich, ohne das große Ganze überblicken zu können als die Summe der bearbeiteten Details, ein neues Zeichen auf. Dieses im wahrsten Worte erwachsene Zeichen hat was mit Eurem ureigensten Ordnungssinn zu tun.

Abbild eines Virus

Im übrigen entdeckte ich diese Flecken während meiner Arbeit, als ich meine erste Bildpartitur für einen Komponisten entwickelte. Es ist der pure Naturalismus, ein Blätterkleid eines fernliegenden Waldes, den ich im blow-up-Verfahren zu solch einem schwarz-weiß-Fleckenteppich werden ließ. - Hier gilt es wiederum die Querverbindung zum vorherigen Gedanken der abstrakten Formulierung aufzunehmen, dass wir in dem Mikrokosmos eine neue Welt entdecken können, die Energie der ursprünglichen in sich birgt. Wenn man immer weiter dieses Spiel treibt, kommt man zur Grundlage der Chaostheorie.

Mir trudeln momentan noch Gedankenschmetterlinge im Kopf herum, die ich loswerden muss. Und ich weiß zudem nicht, ob die nun folgenden Vergleiche und Aussagen statthaft sind:

1) Wie kann man sich auf das Sehen verlassen? Da fällt mir ein, wie verschieden die Messergebnisse von Hör- und Seheinschätzungen sind. Halbiert man hörend eine Gitarrensaite, ist das Messergebnis, mit einem Zentimetermaß nachgeprüft, exakt. Wird die Einschätzung mit dem Auge vorgenommen, wird das Ziel, die Mitte zu treffen, meist um zwei, drei Zentimeter verfehlt.

2) Vorhin erwähnte ich nebenbei die Fotografie: „Bilder lügen nicht" - das war einmal. Bei Fotografien kann man noch nicht einmal sicher sein, ob sie jemals mit Realität in Verbindung standen. Selbst mit Untertiteln sind Bilder nicht eindeutig. In dieser Computer- und Fernsehzeit darf man sogar sich nicht dabei sicher sein. Meistens sind sie, gemessen an Realität, Lügen. Die Wahrheitsliebe interessiert nicht mehr. Das Produkt ist wichtig - „geklont" am Rechner zu digitalen Schöpfungen, - vielleicht also virtuelle Realität. Und überhaupt: Die Computer bestimmen unsere Wahrnehmungen und unsere Wirklichkeit. Diese Zweidimensionalität von Fotografien, Computer- und Fernsehbildern sind bedeutungsvolle Oberflächen und Symbole für neue Realitäten.

3) Auch unsere Körpererfahrungen werden eine ganz andere werden. Wir meinen, am Computer sitzend, die Welt zu bewegen und in der Welt spazieren gehen zu können. Man trifft sich in virtuellen Wartezimmern, um sich mit Menschen aus anderen Erdteilen zu treffen, um wohlmöglich an elektronischen Pinnwänden seine Liebeserklärungen anzuschlagen. „Lieber online, als ganz allein". Ist das eine wirkliche Spielrealität, oder eine gespielte Realität? - Über diese angerissenen Themen können wir ja im weiteren Verlauf des Seminars, z.B. abends, trefflich diskutieren.

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