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Der Weg, die Spur und der Ton
 

Harald Jegodzienski

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Ich komme zurück zu meinen speziellen Möglichkeiten der Konzentration von Bildangebot, die ich zur Zeit für meine Arbeit favorisiere:

* Erster Schritt: Fotografie und Zeichnung dienen mir als Skizzierung/Abnahme des Vorhandenen. Schon durch die generelle Auswahl, der Festlegung des Genres und den ersten bereinigenden Verarbeitungen, lege ich den Sprachraum fest, worüber also gesprochen/kommuniziert werden soll und stecke damit das Feld meines Engagements ab.

* Zweiter Schritt: Aus der fotografischen/zeichnerischen Ernte konzentriert und formiert sich wachsend durch Übermalung, Überarbeitung, Ausschnittsveränderungen meine formale und inhaltliche Aussage. Das Wichtige wird damit vom Unwichtigen isoliert und erhält bzw. verdichtet sich durch den vorhandenen Rhythmus, der gefundenen Flächenverteilung, dem Spiel von Hell/Dunkel und Farben meine inhaltliche Aussage. Auch durch die teilweise Übereinanderlagerung gefundener Strukturen, wird die
Wiedererkennbarkeit des Ursprungs verhindert und das nun Gefundene wird autonom. Zudem kann aus dem Vielfältigen das spezielle herausgezogen werden, beruhigt werden, um so zu einem selbstverständlichen, weil sich selbst verstehenden Zeichen erwachsen.

* Dritter Schritt: Die erste Ergebnisse einer Zusammenführung bzw. Bündelung dieser partiellen Bildbearbeitungen präsentieren sich in Partituren von Strukturen. In Verknüpfung der Strukturen, des jeweiligen Themas und der schriftlichen Kommentare dienen diese
Partituren als Grundlage für Komponisten für eine reproduktive Musikaufführung. (Im weiteren Verlauf werde ich diesen Vorgang näher erklären). Gleichzeitig dienen eben diese „Partituren" aber auch mir als Grundlage für meine bildnerische Auseinandersetzung. (Klänge)

Es ist also eine Basis für mehrere Disziplinen:
Zum einen dient sie als Grundlage musikalisch-
kompositorischer Wege, zum anderen für mich für malerische und skulpturale Auseinandersetzungen mit weiteren Optionen für Video, Tanz etc..

"Erdtöne" ist also eine Dokumentation von bildnerischen Verarbeitungen meiner Erfahrungen bzw. Einklängen ausgewählter Orte und Begebenheiten. In der "bildenden Kunst" und "Musik" gibt es z.B. eine "Kompositionslehre"; Auch die sprachliche Nähe dieser beiden Disziplinen ist in dem Wort "Erdtöne" sofort vernehmbar. So ist meine Aussage nicht so abwegig:

So entstehen je nach Thema/Erlebnis immer neu gestaltete
Figurationen durch Struktur, Farbe, Dynamik, - dies als Basis für weiterführende Arbeiten. Die ersten Schritte sind also den
Schürfarbeiten im Detail gewidmet qua eines Archäologen, um aus dieser Basis heraus das Wachstum von Gedanken zu gestalten, gleich dem Fundament eines (Gedanken)-Gebäudes. Mit der Sicherheit des Erlebten gehe ich also zuerst in die Tiefe der Strukturen, um dann die gegenläufige Richtung einzuschlagen, um wiederum Sicherheit im Wachstum der Inhalte/ des Engagements zu spüren.

 
Partitur-Strukturzeile ( Namenseinritzungen in Baumrinden, Paris)
 

Es entstehen so Zeichen, die an Schriftzeichen erinnern können, was von mir auch intendiert ist. Wie werden diese Zeichen dann aber zur Sinnbildlichkeit verdichtet, für den Transport von Kommunikations-Angeboten vorbereitet? Das Inhaltliche kommt noch nicht aus der malerischen Grund-Form. Sie dient lediglich als „Tanzfläche" und bereitet „nur" das Inhaltliche vor. Ich verzichte in diesem malerischen Fundament auf wiedererkennbare Zeichen wie Kreuz, Kreis, Piktogramme etc., die das Fundament meiner Gedanken hätten unterstützen können. (Siehe oben meine Reflexionen über Abstraktion).
Meine malerische Ausgangsfläche ist also schon als Abnahme und Inanspruchnahme des besuchten Ortes/ Person infiltriert mit Farbe, Struktur, Dynamik und Gewichtung, doch noch zu besetzen. Dieses Resultat muss also noch mehr sein, als das Formale. Also was unternehmen? (Malerei)

  • Jede Arbeit soll für mich eine menschliche Dimension besitzen.
  • Auch der Rezipient soll Freiheit besitzen dürfen, Bilder immer wieder neu für sich zu besetzen, ohne das die malerische Aussage beliebig wäre.
  • Bewegung, als Grundlage für Leben, soll als untere Ebene durch alle Denk- und Malschichten durchscheinen bzw. erkennbar sein. Die Stille zwischen den Bewegungen. (Siehe Erklärungen)
  • Was also besitzt für mich Bedeutung, anders: Auf was deute ich wie hin? Wie kann ich seelische Verletzungen von Menschen oder den Tod als das Eigentliche, woraus alles oder vieles erklärbar ist, malerisch darstellen, ohne plakativ und illustrativ zu wirken? (Siehe Erklärungen).

Vierter Schritt: In der Zeit der vielen Kurzschriften, Verkürzungen und virtuellen Briefe möchte ich als erste wichtige formale Entscheidung, große, mitteilsame handschriftliche Briefe verfassen. Grundlage ist die Erde, Basis unseres Lebens, ebenso meine Briefe. Ich nenne sie „Erdbriefe". Der Erdgrund spricht die emotionelle Ebene, das Geschriebene die Kopfarbeit an. Diese Vorgehensweise befähigt mich, öffentlich in den Zeugenstand zu steigen. Schrift und Erde gehen eine Symbiose ein und steigern sich gegenseitig zum Bedeutungsgewinn.

 

Ähnlich, wie bei meinen plastischen und malerischen Umsetzungen, wollte ich mit Worten verfahren - zunächst einen „Wortsalat" anrichten, um aus diesem „Chaos" eine verständliche Neuordnung zu fassen. (Gedankennester)

Meine Gedankennester verstehe ich wie eine Musik-Improvisation: Worte werden geformt in einem Moment, der nie wiederkehrt. Im Prozess der Gestaltung ist alles offen, doch gedankenvoll und im Moment des Niederschreibens werden Emotionen zu Worten; Empfindung pur. Dieser Moment ist eine energiegeladene Einheit von mir und dem wörtlichen Ausdruck. Schließlich sind die Worte die Resonanzkörper meiner Gedanken.

Es gibt keinen zweiten solchen Moment der Gestaltung, nur einen weiteren. Es ist ein Fischfang „wahrer" Worte im Sinne von Wahrheit, der in der Reflexion mir meist den Schlüssel der Interpretation des Gewesenen liefert. So kann ich mich selbst spüren und habe zudem die Möglichkeit zu wachsen. Denn wenn sich auf diese Art und Weise etwas äußern will, hat es mit meinem tief inneren Verständnis zu tun. Die Reflexion des Geschriebenen hat letztendlich die große Chance seiner bewussten/ wissentlichen Umsetzung im täglichen Leben.

365 Tage lang formulierte ich je ein Gedankennest, spontane Kompositionen verkompostierter Erfahrungen, die jedoch gerade auch deswegen immer in direkten Bezug zu mir und meinen Erlebnissen und Erfahrungen stehen und damit auch ein „verstecktes" Tagebuch darstellt.

Die Gedankennester sind Chiffren und Dechiffrierungen zugleich, die in der Summe mein Weltbild wiederspiegeln und Zeugnis ablegen wollen: Ein Andenken meines Denkens in Skizzen, Beobachtungen, Reflexionen oder Bildbeschreibungen.

Es ist aber auch eine Wanderung durch die Jahreszeiten und durch die mannigfaltigen Schichten unseres Lebens. So kann man als LeserIn bei dem Ausflug durch diese Gedankenwelt selbst eine Exkursion unternehmen. Mal sind die Wege einfach vorgezeichnet, mal nehmen sie verwirrende oder überraschende Konturen an. So, wie das Leben ´halt spielt.

Diese Gedankenzusammenfassungen sind Grundlage meiner „Erdbriefe".

 

Die ersten bildnerischen Schritte hin zu den Strukturpartituren dienen mir auch als Regieanweisungen für meine plastische Arbeiten. Doch dazu bedarf es natürlich anderer Verknüpfungen, z. B. eines besonderen Erlebnisses ...

Das wird Euch vielleicht auch schon passiert sein: Man hält auf einem Flohmarkt einen Gegenstand in den Händen, weiß, es ist ein Handwerkszeug (gewesen), doch für welchen Gebrauch er als Zeuge fungiert, bleibt im Verborgenem.

Die Spuren der Handhabung sind ablesbar, wessen Hand dieses Gerät jedoch geführt hat, welcher Bestimmung und Zweck zugrunde lagen und welche Bewegungsabläufe getätigt wurden,
liegt im Dunklen. Fragen, ähnlich die eines Archäologen, tauchen auf.

Vielleicht ist die ehemalige Bewegungsrichtung erkennbar und auch die Zahl der bearbeitenden Materialien ist vielleicht eingrenzbar, die Bestimmung dieses Werkzeugs ist aber nicht klar. - Warum fasziniert dies?

Römisches
Brückensegment
(Provence)

Man ahnt, noch vor kurzem diente dieser Gegenstand, nun ist er jedoch überflüssig geworden. Die mechanische Entwicklung ist
fortgeschritten, der frühere Zweck ist nicht mehr zurückzuverfolgen, nicht mehr aus dem Dunklen des Vergessens zu entwickeln, obwohl noch vor kurzem dieser Gegenstand, den Spuren nach zu urteilen, sehr wichtig war. Er wird nicht mehr verstanden, obgleich der Verstand ihn geboren hatte, um Nützliches zu verrichten.

Meine Skulpturen muten an ebensolche Gegenstände. Die Nutzung bleibt ebenfalls verborgen, wollen nicht für eine bestimmte Zeugenaussage stehen, erzeugen oder provozieren jedoch Geschichten, die vom Zuschauer „erzählt" werden (können).

Meine gestalteten und dann gebrannten Ton-Torsi, - als Hauptargument formuliert- , kombiniere ich mit Fundstücke funktionslos gewordener anderer Teile oder filigraner Ergänzungen, ausgebildet wie Tentakel, Antennen, Sensoren oder Nervenbündel. Abschließend erhalten sie einen alles verbindenden Farb-Überfang. Diese Reihe meiner Skulpturen gebe ich den übergeordneten Titel: „past perfect".

Axel C. Gross hat einmal dazu gesagt: „Das filigrane Beiwerk realisiert Bindungen und Verbindungen, Versorgungs- und Entsorgungsstränge, die, wenn sie gekappt werden, in seiner Hand neue Bedeutung erhalten. Raumgreifend nützlich, aber ohne Funktion. Ästhetische Ergänzung, weil der reine Nutzen überfällig wurde. Der Betrachter stellt selbst neue Verbindungen her. Der Künstler provoziert Fühlen, Tasten, Erleben und Geschichten Aktivität ist beim Erleben gefragt, nicht Adaption. Das Nichtgegenständliche wird neu komponiert - es fügt sich leichter, wenn wir Funktion außer Acht lassen" (Skulptur)

 

 
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