|
Harald Jegodzienski
Koks und Porzellan
|
Walbrzych (Polen)
1994
|
Der Vollmond hat eine filigrane Schwester bekommen.
Meine Busfahrt erlaubt die Deckung des flirrenden Riesenrades
eines Förderturms am dämmernden Abendhimmel mit der leuchtenden
Scheibenfläche des Mondes. Zwei Energien sind für einen Moment
kongruent.
Monochrome, nachtblaue Holzschnittflächen der Wälder umstellen
die Stadt, in deren die Hochofenfeuer einsam tanzen: Orientierungshilfe
und Positionsfeuer für das Ausmaß der Stadt. Der Tag wird die
Wälder von den Haldenbergen trennen, die Verschmelzung der Regenwolken
mit dem Rauch der zahlreichen Industrieschlote und dem, der gelb-grünlichen
Hausbefeuerung sichtbar machen. Wallbrzych, ein Städtename, den
man unbewusst mehrfach am Tage versucht, lautmäßig richtig vor
sich herzusagen. Der frühere deutsche Name beschreibt den Zirkelschlag
um diese Stadt mit den umgrenzenden Wäldern und ihrer Burg: Waldenburg.
Im umschlossenem Becken ein Häusermeer nichtfarbener Bausubstanz.
Gekreuzte Hammer in vielen der Häusergiebeln belegen selbstbewusst
die Herkunft der Existenz, - mal jugendstilberankt, in Blech gestanzt
oder in Aufputztechnik appliziert. Das Auge hält sich im Bild
der blätternden Fassaden an den gestrichenen Plaketten fest. Sie
müssen vor Rostfraß geschützt werden, - Endpunkte der Klammerarmierung,
die das rohe Fleisch der Bauten zusammenhalten, es vor Setzungsrisse
auf diesem unsicheren, ausgehöhlten Grund bewahren hilft. Die
informellen, taschistischen Bilder der Fassaden erzählen ihre
Geschichten in gebrochenen Erdgrundfarben mit überzeugenden blass-tiefgründigen
rosa, grünen und blauen Gesichtsspuren, - Gebrauchsspuren.
Um so mehr fällt die weiße Reinheit vor morbidem Hintergrund auf:
* Wären die Häuserfassaden in die Horizontalen transformiert,
könnte aufgrund der vielzähligen Satellitenschüsseln umgehend
das Bild auftauchen, dass auf einem verwitterten, zersplissten
Holztisch wild durcheinander schneeweiße Porzellanschalen stünden,-
von der Anwohnergesellschaft urplötzlich verlassen und in denen
noch die Richtempfangsstäbe gleich Essstäbchen im Informationssalat
steckengeblieben sind.
* Fotokopierte Todesanzeigen in Augenhöhe provozieren den Vergleich
eines weißen Heilpflasters, das die Spitzohren der abblätternden
Putz- und Farbschichten noch notdürftig zusammenhalten.
* Gegliedert werden die asch-fahlen Fassadenflächen durch die
frisch-weiß gestrichenen Scheuklappen der Türen und Fenster. Wenige
Farbgeschäfte der Stadt helfen den Bewohnern, wenigstens die Durchbrüche
der Fassadenhaut aufzuhellen.
Der erhobene rote Backsteinzeigefinger des Kirchturms markiert
das Zentrum der Stadt. Die Turmuhr ist an einem unbekannten Tag
fünf Minuten vor zwölf stehengeblieben. Das Portal der Kirche
erhielt eine Krone aus polnischer Flagge und darüber applizierter
Madonna von Czestochau. Mit einer Selbstverständlichkeit, die
mich fragen lässt, warum eigentlich nicht der rote Streifen der
polnischen Staatsflagge einen zusätzlichen Streifen des Vatikangelbs
erhalten hat, - getrennt vom Porzellanweiß, das beiden Flaggen
eigen ist. Der Kirchenraum ist voll besetzt und bekniet; - die
Mischung von Weihrauch, Kerzenduft und inbrünstiger Andacht erfüllen
das Kirchenschiff.
Wärme wird benötigt, Halt, Eckpfeiler und -daten. Das Gold der
Monstranz, der Pieta, allen Kirchenschmucks spiegelt sich glänzend
in mannigfaltiger Art und Weise auch im Alltag wider. Superpeeroxidierte,
goldblondierte, künstliche Engelslockenpracht umrahmen schwarze
Augenbrauen. Funkelnde, barocke Knöpfe halten die Kleidungsfassaden
zusammen. Schuhe, Schmuck und Tellerränder baden sich ausgiebig
in Gold. Da passt es geradezu ins Bild, dass ein berühmtes Wasser
dieses Landes mit Blattgoldflocken versetzt ist. Blumen werden
fast ausschließlich in Gold- oder Silberfolie veredelnd eingepackt
oder erhalten doch zumindest ein Schnörkelband aus eben dieser
Folie.
Andere Materialien übernehmen den Stafettenstab des Goldes. Eine
ganze Armada von Perlen und Trass drängeln sich großflächig auf
Kleidungspartien. Lange, künstliche gelockte Haarpracht fließt
übergangslos in die aufgewühlte Seenplatte von Rüschen, bilden
eine Struktureinheit. Alles ist hoch dekoriert. Das Schild, das
man vor sich herträgt, ist reichlich mit Ornamenten versehen.
Doch alle wertvollen und begehrten Materialien präsentieren sich
in künstlich hergestellten Entsprechungen. Alles hat den Ausdruck
von Surrogaten, will aber den Eindruck des Edlen hinterlassen:
Polyesterpullover mit Mohairflair, zur Erhöhung des Wertvollen,
ein Platzdeckchen an prädestinierter Stelle als Inlett. Und das
geht einher mit geradezu abenteuerlich farbzusammengestellter
Kleidung, zu lauten Lippenstiftfarben, zu kurzen Röcken und durchgängig
wallkürwallenden Frisuren. Ein eigentümlicher und auffälliger
Kontrast: die Sprache der Kleidung im Vergleich zu den Häuserfassaden.
Die Kleidung erhebt sich zum Eigentlichen, als bunte Facette im
grauen Einerlei des Alltags - kurzfristig und hastig nachholend,
der Ausdruck nachdrücklich extrem. Ist es Wärme tanken in der
Armut? Was Wunder, dass die Tankstellen des kleinen Konsums auffällig
häufig und im Stadtbild gleichmäßig verteilt anzutreffen sind:
Kiosks, Kosmetik- und Friseurläden.
Cremefarbene Plaste-Lautsprecher verraten vergangene Begehrlich
-und Gierigkeiten, Menschen auf Plätzen und Straßenknotenpunkten
mit Propagandaparolen zu beschallen. Nun irren, von ihnen ausgehend,
süßliche Melodienweisen und Gemeindenachrichten über den Köpfen
der Passanten umher, ohne die Adressaten zu erreichen. - Eine
Radio-Stunde ist viergeteilt. Das zweimalige Anklopfen an hölzerner
Eingangstür leitet den viertelstündlich wiederkehrenden Reklameblock
ein. Die porzellanweißen Satellitenschüsseln liefern die Bilder
dazu. Begehrlichkeiten westlicher Konsumwaren werden geweckt.
Die Kaufmannsläden entspringen der Organisationsform nach den
Kindheitserinnerungen. Keine Selbstbedienung. Hinter einer Barriere
von massiven Verkaufstresen bauen sich Dosen, Schachteln und Flaschen
in raumhohen Holzregalen auf, sorgfältig postiert, in Reih und
Glied geordnet und geschichtet. Sie zeichnen ein von Logos und
Firmenfarben westlicher Hersteller geprägtes Gesamtbild. Irritierend
und geradezu enttäuschend wird die Nähe der bekannten Konsumansprache
in der Fremde als Ärgernis verspürt. Aber schon im nächsten Moment
fühlt man jedoch eine Ungleichheit der Deckung mit den heimischen
Supermarkterfahrungen. Der zweite Blick dechiffriert nämlich polnische
Produkte mit diesen Etikettenentsprechungen, entlarvt z.B. in
einem Fall den BOSS als ROSS. Der kleine Ausfallschritt des B's
macht den Fassadenunterschied aus. Die Sprache des anderen Eindrucks
findet hier dieselbe Surrogatentsprechung, wie bei den Kleidungs-
und Accessoirefassaden. Zwar sind alle in Radio und Fernsehen
angepriesenen Waren auch erhältlich, doch diese sind unerschwinglich.
Die kollektiv geweckte Sehnsucht kann kollektiv nicht ausgelebt
werden. Reklame ist hier eine schmerzliche Werbung um Wärme, die
durch die Umformung der fremden Farben, aber eine realistische
Erreichbarkeit zeitigt.
Über die „Form" lässt sich's öfters stolpern, aber alles
funktioniert. Form und Funktion sind zwei getrennte Posten:
* Verschiedene Stufenhöhen einer neuen Treppe verhindern nicht
den Eintritt in das vor kurzem eröffnete Café.
* Wenn auch verschiedene Lampenschirme auf der Halterung tanzen,
der Raum wird halt unterschiedlich hell ausgeleuchtet.
* Telefonzellen haben im Außenbereich etwas Geborgenes und Intimes.
Hier ist der Telefonhörer Wind und Wetter ausgesetzt, aufgehängt
an ein Gerippe von Halterung. Meine Annahme einer stillgelegten
Telefonzelle, die diesen Namen nun wirklich nicht verdient, ist
beschlossene Sache, bis ein Passant diese Einschätzung widerlegt.
Noch denkt man, sie muss stillgelegt sein und er geht unverrichteter
Dinge weiter. Nein, er telefoniert.
* Der altersschwache ungarische Bus ächzt mit ohrenbetäubendem
Lärm und Schnaufen den Stadtberg hinauf, doch sein Ziel wird erreicht.
* Im Zerrspiegel die Rasurschnittkante richtig zu treffen bedarf
einiger Halbkniebeuge, um die richtige Focusierung zu finden.
Man richtet sich ein, arrangiert sich mit dem Vorhandenem, dem
Gegebenem. Es geht ´halt seinen Gang. Sorgfalt um das Formdetail
ist nicht wichtig, Hauptsache, die Funktionalität ist gegeben.
Eine der qualifiziertesten europäischen Restaurateuren kommen
aus diesem Land, - um die Fassaden westlicher Repräsentationsbauten
zu renovieren. In dieser Stadt erhielten lediglich drei städtische
Gebäude ein farbiges, gut sitzendes Fassadenkleid. Die größeren
oder großen Projekte, eine weitläufige und aufwendige Lebensplanung
kann nicht in Angriff genommen werden. Funktionalität auf Zeit.
- Ohne die Ausrüstung einer eigenen Uhr ist im Stadtbild die Kirchturmuhr
die einzige Möglichkeit, die aktuelle Uhrzeit zu erfahren. Sie
ist bekanntlich zu einem vielsagendem Zeitpunkt stehengeblieben.
Als ob die Zeitfrage verdrängt würde, um nicht mit den Ahnungen
der Zukunft und das existentielle Bangen um Funktionalität konfrontiert
zu werden.
Die Schornsteine der Porzellanfabriken und die Fördertürme der
Kohlengruben hissen ihre Flaggen in weißem und schwarzem Gold.
Sie ragen selbstbewusst aus dem rauchgrauen Häusermeer heraus,
umlagern vielfach den roten Zeigefinger im Zentrum, - Hort des
reinen Goldes. Alle drei Lebenssäulen wetteifern um die Gunst
und um das Wohlergehen der Menschen, bieten ihre Dienste an. Doch
die Grundmauern der Fördertürme weisen perspektivische Setzungsrisse
auf und werden in absehbarer Zeit ihr Dasein als weithin erkennbares
Denkmal mehrerer Industriemuseen fristen. Die Haldenberge werden
renaturiert sich mit den umliegenden Wäldern verschmelzen. Auch
einige Schornsteine werden ihre Flaggen auf Halbmast setzen müssen.
Die Gebäude auf der wirtschaftlichen Basis müssen neu gebaut werden.
- Obwohl die Kirche im Zentrum dieser Stadt eine der Grundfarben
aufweist, muss sie zur Zeit besonders Farbe bekennen. Einst einziger
Zufluchtsort der Opposition, hat sie nun ein politisches Parteienmandat
und ist dabei, ihre wirtschaftlichen Pfründe mit Macht und über
Ausnahmeregelungen zu verteidigen. Die im Sozialismus praktizierte
und allgemein für gut geheißene Familienpolitik steht nun im krassen
Widerspruch der Doktrin des Papstes aus Krakau. Beide Sachverhalte
werden aufgrund der eigenen Erfahrungswelt von den Gläubigen nicht
verstanden. Aber genau diese Punkte werden ein-dringlich sonntäglich
von der Kanzel gepredigt, an eine große Schar Gläubiger, die lediglich
in diesem goldenem Hort ihre seelische Heimat und in ihm einen
wichtigen Gegenpol zu dem Alltag des Verlustes erkennen. Das nie
gekannte Phänomen von Kirchenaustritten zeitigt auch bei dem roten
Kirchenschiff Setzungsrisse.
Es gibt keinen Flohmarkt. Bei uns mögen Motten und Flöhe die abgehängten
Kleider häufig erobern. In Polen wird die Kleidung gewaschen,
weil man sie anzieht. Von Holzwürmern befallene Möbel werden restauriert
und benutzt, Schrottautos werden zu Neuwagen. Alte Gegenstände
werden nicht ausrangiert, auch wenn die Reklame mit ihren bunten
Fahnen einen flächendeckenden Eroberungsfeldzug unternimmt und
für eine neue Generation von Produkten schmeichelnd wirbt. Basare
übernehmen die Scharnierrolle zwischen Kiosk und Warenhaus, auf
denen Schnäppchen für den täglichen Grundbedarf feilgeboten werden:
russische Wetzsteine und Lupen neben Gemüse und Obst, abgelegte
Brillen und Gummizugknäuel neben Wurstwaren und Pantoffeln. -
So gibt es in dieser über 140.000 Einwohner zählenden Stadt auch
nur einen winzigen Antiquitätenladen. Hier wiederholen sich die
Farben der schwarz-weiß-rotgoldenen Flaggen der Stadt in stumpfer,
abgewetzter Form. Alte Geschichte wird in deutsch rezipiert, die
neuere in polnisch. Altes deutsches Notgeld aus den frühen 20-igern
mit den kaum vorstellbar hohen Geldbeträgen auf den Scheinen lässt
mich unwillkürlich an die Millionen von Zlotys in der eigenen
Geldbörse denken.
Die deutsche Sprache darf wieder in den Schulen gelehrt und gelernt
werden. Nähe, Anknüpfung oder Erinnerung an die Vergangenheit;
jedenfalls die Sprache des zur Zeit wichtigsten Handelspartners.
Sie löst die in den Schulen verhasste russische Sprache ab. Vielleicht
ein Hinweis auf einen Wechsel auch des Handelspartners. Fließend
deutsch sprechen 301 deutschstämmige Polen in dieser Stadt. Sie
treffen sich in einem angemieteten Haus, um wöchentlich Erinnerungen
auszutauschen und über Fahrten ins Mutterland oder zünftige Feste
zu sinnieren. Von ihnen werden bei einer Ostserkundigung deutsche
Straßennamen als Auskunft genannt. Natürlich versteht man die
deutschen Straßen- und Platzbezeichnungen, kann aber in einer
polnischen Stadt keine Deckungsgleichheit herstellen. Nur vereinzelt
stolpert man über beredte, stille Zeugnisse: der deutsche Firmenname
einer Porzellanfabrik, der deutsche Land- und Stadtname in Beton
gegossen, als Schwelle einer jeden Fabriketage.
Selbst Israelis sind erstaunt. In Polen gibt es kaum Juden, aber
die Regale sind gefüllt mit Produkten, die das Siegel der obersten
Überwachungs- und Kontrollbehörde für koschere Waren aus Israel
aufweist. Wasser-, Bier- und Wodkaflaschen, Fertiggerichte tragen
hebräische Hieroglyphen, preisen sich mit kleine in polnischen
Untertiteln den polnischen Kunden an.
Die Toreinfahrt hat mehr den Charakter orientalischer Lehmbauweise,
denn mitteleuropäischer Gründerzeitarchitektur. Die Außenkanten
wurden oft gebrochen. Auch die Linien der Buchstaben auf dem blätterndem
Putz. Polnische, - die für mich in mancher Kombination als Sprachform
kaum vorstellbar sind, und unbekannte Lettern, - fremde Striche
und Punkte. Das Ausrufungszeichen lässt auf eine strenge Hausordnung
schließen. In unmittelbarer Nachbarschaft dieses Schriftfeldes
befindet sich nun ein von Skinheads signiertes, frisch gemaltes
Kreuz, das wenigstens vier Haken aufweist. - Drei Bildergeschichten
rücken in meinem Beobachtungsraum eng zusammen, formulieren eine
neue Geschichte.
Laternenpfähle, die selten das Lot erreichen, besäumen die steinernen
Straßen, auf denen hüpfende Automobile ihr fröhliches Dasein ausleben.
Diese Fröhlichkeit wird im Bus sitzend gebrochen durch das Ächzen
und Knattern im Fahrgastraum, durch das Brüllen und Stöhnen des
Motors. Als wenn er sich selber ob seiner Leistung Beifall zollen
würde, klappen nach Erreichen einer Busstation die Falttüren der
Ein- und Ausstiege mit einer derartigen Vehemenz zurück, die einen
jedes Mal hochschrecken lässt. Jeder Stadtbus hat sein individuelles
Wohn- und Arbeitszimmer. Die Cockpits wurden von ihren Fahrern
liebevoll geschmückt, mit den Insignien ihrer jeweiligen Engagementfelder
ausstaffiert. Diese „Visitenkarte" gibt beim Defilieren ihrer
Kammern nicht nur die Neigung des Musikgeschmacks wieder - und
das sehr laut -, man kann auch erfahren, ob sie intensive Kino-
und Kirchgänger, Fußballfans oder beherzte Familienväter sind.
Teddybären und Häschen der Kinder baumeln neben dem Konterfei
der Ehefrau an diversen Halterungen. - Mein Knie bohrt sich in
den ausgeleierten Rücksitz meines Vordermannes. Diese Situation
muss es schon öfters gegeben haben. Der brüchig gewordene Kunstlederbezug
wurde kunstvoll genäht. - Die erdfarbenen starren Säulen der Männer,
die grellen der Frauen gliedern den Gang des Fahrgastraumes. Ihre
Gesichter sind nicht hungrig, sie sind müde.
Das erste herabgefallene Herbstlaub wird sogleich und sorgfältig
zum Rinnstein hin zusammengekehrt und sofort entsorgt. Nicht bösartig,
aber befremdend wird mir im Straßen- und Gehsteigbild meiner schmutzigen
Arbeitskleidung gegenüber Unverständnis vermittelt. Ich bin nicht
einer der ihren. Diese uneingeschränkte Aufmerksamkeit auf meine
Unordentlichkeit, lässt mich die Ordnung der anderen überprüfen.
Große Projekte können aufgrund des Geldmangels nicht ihre Renovierung
erfahren. Alle anderen Bereiche, die mit den eigenen bescheidenen
Mitteln zu bewältigen sind, nehmen es mit dem Bild eines gedeckten
Tisches auf. Durch diese Kombination entsteht eine Lebendigkeit,
die aus der Armut erwächst und die übertriebene heimatliche, deutsche
Ordentlichkeit in allen Bereichen - und das Bestreben danach -
in Frage stellen lässt.
Im Stadtpark tanzen in grau-braunen Anzügen und Mänteln alte Männer
wie tapsige Bären zu den Klängen eines Kofferradios. Ein selig
lächelnder Braunbär schlägt sein mitgebrachtes Tamburin. Durch
seinen Taktschlag erhalten die Orchesterklänge erst ihr Leben,
spornt die Bärenrunde zum fröhlichen tanzen an. Die Passanten
werden von ihnen mit aufmunternden Gesten aufgefordert, ihrem
Beispiel zu folgen. Ohne Alkohol. Die Gegenrunde spielt das Flaschenspiel
in nicht allzu weiter Entfernung. Krächzendes Lachen, Kotzen,
Lallen sind ihre Melodien, das abrupte Aufsetzen der Flaschen
in den Kies des Parkweges gibt ihren Trink-Rhythmus wieder.
Am Parkrand ist einer der vielzähligen Blumenläden, die für einen
erschwinglichen Betrag, Farbe und Wärme für die Wohnungen der
Menschen bereithalten. Zum Wochenende hin klemmen langstielige
Gladiolen lanzettförmig unter den dunklen, alten Anzugärmel der
Männer. Die ausgeführten Hunde sind zu mopsig. Ausgemergelte Hundehalter
lassen ihren Tieren durch das Verfüttern der Abfälle von Metzgereien
einen sichtbaren Beweis von Liebe angedeihen. Oder die Menschen
kompensieren ihren Wärmeverlust des Alltags durch die Angleichung
der fülligen Form ihrer mitgeführten Tiere. Eine Nullstellung
der zwei Extreme ist nur selten anzutreffen.
Bei der Kinderkleidung drücken und leben die Eltern ihre barocke
Seele vollends aus. Zum erwachsenen Wärmebedürfnis gesellt sich
zuneigende Liebe zu ihren Kindern. Hegende Spiele werden gepflegt
und einfachste Mittel und Gegenstände sind Anlass der Kinder auch
mit- und untereinander, sich friedvoll stundenlang zu beschäftigen,
sich in die Welt der Erwachsenen spielerisch einzuüben, Erfahrungen
zu gestalten.
Der unkontrollierte Wasserstrahl wird noch unverzeihlicher, wenn
das erwartete Echo eines Porzellanwaschbeckens ausbleibt und das
hohle Plaste-Geräusch wieder einmal den ersten Eindruck trübt.
Mein Lächeln ertappe ich im Zerrspiegel. In biblischer Zeit wusch
sich schon einmal ein Richter angesichts seines Urteilspruches
im laufenden Wasser seine Hände. Porzellanweiß und Koksschwarz
lagen auf den Tellern meiner Beobachtungswaage 
TeilnehmerINNEN des Symposiums
Ruty Benjamini (England)
Marianne Fossgreen (Polen)
Wladislaw Garnik (Polen)
Harald Jegodzienski (Deutschland)
Irena Lipska-Zworska (Polen)
Anna Malicka-Zamorska (Polen)
Anna Marchwicka (Polen)
Marek Marchwicki (Polen)
Stanislaw Martinec (Tschechien)
Irid Musen (Israel)
Paulina Pokorny-Ziemba (Polen)
Brigitte Schuller (Deutschland)
Jan Zamorski (Polen)
|