|
Harald Jegodzienski
Sage mir, mein lustiger Freund, wer
Du bist
|
4. internationales Art-Symposium,
Borup (Dänemark)
1999
|
Veröffentlichung in Auszügen: „KeramikMagazin"
Das
Symposiums-Einladungsschreiben brauchte sechs Zoomeinstellungen,
um den Ankunftsort näher zu bezeichnen. Dieser Umstand bedeutet,
es geht in die Provinz, etwas genauer: Der Weg wurde in die Gegend
von Silkeborg in Jütland gewiesen. Wer nicht weiß, wo Jütland
liegt: Wenn unzählige schmal-weiße Kreuze auf roten Fahnengründen
jedweden Weg flankieren, spätestens dann ist klar, - man befindet
sich in Dänemark. Gehören dann noch Gummistiefel und wollene Anziehsachen
zum Reisegepäck, obwohl am Ausgangsort der Reise hochsommerliche
Temperaturen vorherrschen, ist auch die Jahreszeit exakt definiert:
Es geht in den „dänischen Sommer".
Schon diese Zeilen bedürfen einen kleinen erklärenden Nachtrag,
der die kindlich zu nennende Freude an der Wiedererkennung, bei
gleichzeitigem Stolz und verbundener Bereitschaft zur Verteidigung
der eigenen Nationalflagge, näher beschreiben möchte. - Nicht
nur die Einkaufspassagen sind flankiert mit den flatternden Insignien
Dänemarks, nein, auch die Hinweisschilder zu Schweineauktionen
sind, wie auch die Plattformen von Geburtstagstorten, mit Parcours
von rot-weißen Papierfähnchen ausgestattet. Geradezu selbstverständlich
scheint es dann auch zu sein, das eigene Haus, die Gartenhütte
oder den Bootssteg mit dem Ausrufezeichen eines Fahnenmastes mit
wehender Fahne zu versehen. „Ein Kreuz" ist es auch mit ca.
70% aller Warenartikel, die sozusagen als Horsd`oeuvre zur Ein-
und Aufnahme der Inhalte, das Hoheitszeichen Dänemarks aufweisen.
Und wenn die Standarte auf der Verpackung einmal fehlt, so ist
doch wenigstens die Werbeschrift im dänischen Rot auf weißem Grund
gehalten. Sollte auch dies nicht gegeben sein, steht zur Anpreisung
eines Produktes noch die Vorsilbe „Dan" für das Kürzel der
Landesbezeichnung zur Verfügung. So wird Sand, die Kleidung oder
das Öl zu Danwaer, Dansand oder halt Danoil; wird es brüder- oder
schwesterlich, kann die Vorsilbe „Scan..." eingesetzt werden.
- Begründet liegt dies alles in dem Aufruf, dass Dänen dänische
Produkte kaufen sollten. Das passt zur Kuschelnähe des Zusammengehörigkeitsgefühls
eines kleinen, um eine Identität kämpfenden Volkes.
Eingeladen zu dem diesjährigen Symposium wurden zwei Bildhauer,
zwei Malerinnen, ein Grafiker, eine Textildesignerin, ein free-Stylist
und
ein paar KeramikerINNEN aus den Partnerstädten Aarhus und Silkeborgs.
Sie kommen aus sieben Ländern, die sich in ihren Arbeiten bisher
realistisch, naturalistisch, abstrakt oder auch dazwischen - in
zwei oder drei Dimensionen - auszudrücken pflegten. Man möchte
demnach meinen: „ein bunt zusammengewürfelter Haufen" - ,
aber auch der ist eine Form, und nicht eine schlechte. Die einzige,
klammernde Spielregel war, gemeinsam in dieser Gruppenbesetzung
temporär mit Ton in einem Ziegelwerk zu arbeiten.
Zielort des Symposiumslebens war das Anwesen der Keramikerin Marianne
Fossgreens, die zusammen mit Steen Rasmussen dieses „Kunst-Unternehmen"
leitete. Der Name „Paradies" für die Freizeit-, Tagungs-
und Werkstätte ist wohl gewählt und bezeichnet den Ort treffend:
Anwesen und Hausensemble liegen mitten in stiller Natur. Gesäumt
wird das 4,5 Hektar umfassende Grundstück von Wäldern, Wiesen
und von Dänemarks längstem Fluss, der Gudenau.
Gegenpolig wird die Vorstellung unserer Arbeitsstätte gezeichnet,
die Ziegelei in Lysbro. Sie ist geprägt ist vom stampfenden Takt
des Maschinenorganismus und den Ausdünstungen einer Fabrik. -
In der sogenannten „Gründerzeit", also vor etwas mehr als
100 Jahren, wurde auch „unser" Ziegelwerk gegründet. Nach
dem 2. Weltkrieg wurde es grundlegend modernisiert und ihm ein
neues Herzstück, ein großer Ringofen, eingepflanzt. Hier werden
seitdem die Falzziegel, - Lysbro ist dafür die einzige Produktionsstätte
Dänemarks -, mit Vor- und Nachlaufzeit in 96 Stunden bei 980 Grad
Celsius gebrannt.
Jörn, der Chef dieses Werkes überreichte uns zur Begrüßung einen
Katalog seiner Konkurrenz-Ziegelei in Tommerup mit den Abbildungen
von Symposiumsergebnissen namhafter Bildhauer, Keramiker und Maler.
Zu den Abbildungen gehörte auch die größte Vase der Welt von Peter
Brandes, der von einer Galerie hier in Silkeborg vertreten wird.
War das Anspruch oder Begehrlichkeit, und wie füllen wir in der
kurzen Zeit von zwei Wochen die Räume?
Uns standen dafür die „grüne Ware" der Firmenproduktion von
verschiedenen Dachpfannentypen als Bearbeitungsofferte zur Verfügung,
die gezogene Tonröhre als Grundform und der Tonstrang als genereller
Anstoß zur Formenfindung. Und wieder war es geradezu
wollüstig zu erleben, dass man nicht zum Material kommen muss,
um es aufzuarbeiten, sondern dass dies gleich einem Fluss wohl
bereitet uns entgegenkommt, unerlässlich, warm dampfend mit dem
Aufforderungscharakter der Bearbeitung. Und man hat auch kein
schlechtes Gewissen, wenn mal etwas nicht gelingt und für den
Abfalleimer gearbeitet wird. Diese Umstände sind gewichtige Vorteile,
wenn in einer Fabrik gearbeitet werden darf.. - Doch gab es trotz
dieses Superangebots aufgrund der völlig verschiedenen Gedankenwelten,
-bewältigungen und -ansätze Irritationen überhaupt mit dem Irdenmaterial
etwas anzufangen. Erschwerend kam hinzu, dass viele der TeilnehmerINNEN
überhaupt noch nie ein Tonmaterial in den Händen hielten, geschweige
denn so eine Spezialmasse, wie der für freie Arbeiten mit wenig
Toleranz ausgestatteten Pfannentons.
Dann der Anfang des Symposiums mit dem vorsichtigen Herantasten
an Inhalte und der Frage, aus welchem Ordnungssinn wird aus der
Vielzahl der Strukturen und Formen dieses neuen Ortes gefunden.
Es folgten erste Gedanken- und Formensplitter oder gleich der
große Wurf durch die Ahnung des Alten im Neuen? Deckt sich das
Jetzige im Bisherigen und entdeckt es sich im Gefundenen? Und
da man meist auch „Materialist", Jäger und Sammler ist, werden
zuerst ready-made-Fundstücke an den Flanken der Arbeitstische
aufgebaut. An diesen schnellen Formulierungen kann man sich reiben,
an ihnen kann man zunächst wachsen, hat eine Startposition bezogen,
die durch vorbeischlendernde Kollegen mit der Frage aufgewertet
wird, wo man dies oder jenes nur gefunden hätte. Erste Gesprächsanlässe
und Zuneigungen. Ein Schrottplatz, - und eine Fabrik hat immer
ihren speziellen Schrottplatz -, ist ein Hort, der zuhauf Sockellösungen,
Aufbewahrungsbehältnisse, Zuordnungsmaterialien und/oder -formen
und Ansätze für neue Gedanken offenherzig bereithält. Man versteht
durch die bisherigen Erfahrungen auch die Erzählungen der nun
schon geschichtlichen Materialien mit Geschichte, die auch von
dem Ort, wo man gerade angekommen ist, berichten können. Man hat
also ein neues Zentrum erreicht, hat seine Auswahl von oft armseligen
Materialien getroffen, die nun aber eine prächtige Ausgangssituation
für die Bearbeitung eines für viele völlig fremden Materials,
dem Ton, bilden.
Es folgten die ersten Ton-Ergebnisse und die Erwiderung des Materials
an seine vorherige Bearbeitung durch Risse, Verwerfungen und Brüche.
Das durchwachsene Spätsommer-Wetter verweist urplötzlich auf den
nahenden Herbst und die Regengüsse lassen als kleine Bachläufe
unsere Arbeitsinseln unter einem ehemaligen Ziegel-Trockenunterstand
umspülen. Gummistiefel und Pullover werden herausgeholt. Und überhaupt
die Balken sind viel zu tief, selbst bei den Toilettenräumen stößt
man sich ständig den Kopf. - Diese Phänomene gehören zum Repertoire
des berüchtigten dritten Tages. Der Satz „I hate clay" auf
einem Tonsymposium wirkte da wie eine Offenbarung und Befreiung
von einer kollektiven Verunsicherung. Es ging ja allen so, man
fühlte sich erleichtert und konnte nun neu starten. In der Nachhut
des ersten Sturm und Dranges schmunzelte man gelegentlich noch
über die wiederholte Äußerung des Tonhassens, doch diese Front
bröckelte zusehends, und es wurden erste Partnerschaften mit diesem
Material geschlossen. Mit dem Wiedereinfinden des mitteleuropäischen
Sommers verschwanden auch die dunklen Gedankenwolken. Gelegentlich
konnte man den blauen Himmel durch die vereinzelt gebrochenen
Ziegel unseres Arbeitsunterstandes sehen. Es entstanden Symposiumsziegel
mit der Schriftperforation „Träume". Wir träumten aber nicht
nur, sondern es wurde oft gespielt. - Spiele bedürfen Regeln,
um aus den Resultaten lernen zu können. Ich nenne es, durch Ahnungen
und Erfahrungen des vorher Erlebten geleitet, „gerichtete Spiele".
Und wenn diese nicht gleich zu den erwarteten Ergebnissen führen,
sollte man sich vor Augen halten, dass der Schaffungsprozess von
größerer Bedeutung ist als das Erschaffene.
Neben dem Finden und dem Materialzufluss sind ein weiterer unermesslicher
Vorteil, in einer Fabrik mit ihrer Maschinenpotenz und dem außerordentlichen
Platzangebot gerichtet spielen zu können. Und das, als wichtigster
Aufzählungspunkt, im Zusammenspiel mit Kollegen und Kolleginnen
mit völlig verschiedenen Charakteren und Temperamenten aus den
unterschiedlichen Denkheimaten herkommend. - Wenn Künstlerkollegen
zusammen kommen, dann wird von Ihnen der Grundgedanke der antiken
Griechen von „Symposion" als „Trinkgelage" erweitert
um das zwanglose Arbeiten, Diskutieren, das Austauschen und Erörtern
von Ansichten. Ein Symposium bedeutet frei zu sein von den Alltagsanforderungen,
es bedeutet Konzentration auf die Ahnungen, die hinter den Mauerchen
der Alltags-Selbstbegrenzungen schlummern, fächerübergreifenden
Formulierungen, die eigenen Stärken zu finden, in Kommunikation
mit den Menschen, den neuen Räumen, den neuen oder andersartigen
Materialien zu treten, sich zu reiben, Fragen zu stellen, Fragen
anzuhören. Das heißt Werkstattversuche und -untersuchungen in
zeitlicher Kompression, persönlich, und doch gleichzeitig innerhalb
einer Gruppe.
Zunächst näherten wir uns offensichtlich der gastgebenden Massenproduktion
mit den eigenen Arbeiten in Dimension und Anzahl an. Zu eindringlich
wurde der Takt der Maschinen vernommen, und diese versprachen
ja im übrigen mit einer hohen Wahrscheinlichkeit eine heile Ankunft
der Produkte am Ende der Fertigungsstraße. Man wollte ja auch,
dass die eigenen Plastiken einem guten Arbeitsende zugeführt werden
sollten. Viele arbeiteten also seriell oder in Gruppen ähnlicher
Körper oder mit Variationen in nicht allzu großen Dimensionen.
Es schälten sich dann die Eigenarten heraus und die unterschiedlichen
Handschriften formulierten auch Einzelstücke.
Einige entdeckten sogar, dass im Spiel mit dem Material es einfacher
erschien, neue, überraschende „Bilder" zu formulieren, und
nahm keramische Prozesse zum Anlass für neue Gedankengänge; nahm
das Material als Spiel- und Lernmaterial. Jede/r nahm unwillkürlich
die „Sache" im Laufe der Zeit ernst, die zuvor doch als hassenswert
erschien. Auch weil wir entdeckten, dass Leid und Zerstörung innerhalb
des Wachstums in der keramischen Arbeit „natürlich" verbunden
ist: zwar wurde man schmerzlich damit konfrontiert, und die mitgebrachten
Perfektionsvorstellungen mussten oft über den sprichwörtlichen
Haufen geworfen werden, doch diese Leiderfahrungen forderten zum
Innehalten der Gedanken auf, zur Überprüfung des Standortes, Standpunktes
und - der Technik. Wurden wir gar mit dem Gestalten des so wirschen
Tonmaterials mit der eigenen Gebrechlichkeit konfrontiert und
der Einsicht, dass wir Menschen in ähnlichen Prozessen involviert
sind, wie dieses Erdenmaterial? Oft wurde die Scham offen ausgesprochen,
ja nicht in die Nähe von Gebrauchsgegenständen wie Toilettenbecken
oder Kaffeetassen mit seinen Arbeiten gerückt zu werden. Sie sollten
ja nicht „keramisch" aussehen. Da schälten sich also doch
zwei generelle Ansichten heraus, die sich in den inhaltlichen
Formaussagen dementsprechend widerspiegelten: die „keramische",
hautige Oberflächensprache schrundiger Körper einerseits und der
Konstruktionsgedanke mit ihrer Partnerin der Konzeption und der
Braut „Perfektion" andererseits. Hier die Material-Offenlegung
als Bezug zur menschlichen Existenz, dort die Form gewordene Kopfarbeit.
Eine technische Eigenschaft des Tones unterstützte die eben erwähnten
Positionen und verunsicherte die Kolleginnen und Kollegen, die
mit festen Materialien gewohnt waren zu arbeiten: Feste Materialien
wie Holz, Stein bieten uns durch ihren Aggregatzustand Widerstände
entgegen. Sie sind nicht gefügig und machen eine genaue Kalkulation
für eine Arbeit zwingend. Im Gegensatz zu den festen Materialien
wird man bei der Tonverarbeitung aber mit einer anderen Form von
Kalkulation konfrontiert: der Initiierung von Wachstum und Vergehen.
Durch die additive und subtraktive Bau-Vorgehensweise mit „Ton"
können Gedankengänge formuliert, aber auch innerhalb der Verarbeitung
(der Gedanken und des Materials) korrigiert und wieder zerstört,
bis zur Auflösung unkenntlich gemacht werden. Ein ungestalteter
Klumpen Ton ist wie ein Satz ohne Interpunktion, eine Masse, die
Reflexion nicht von vornherein in sich birgt, wie z.B. das Halbzeug
bei den Stahl- oder Holzbildhauern. Die „Tonverarbeiter"
müssen jedoch die Widerstände erst einmal schaffen, sie überhaupt
entdecken, lernen mit ihnen umzugehen und sie wiederum zu überwinden
versuchen: Das bedeutet die Kraft in der Weichheit aufzuspüren.
Durch Annäherungen oder gar Kreuzungen gegensätzlicher Energien
können neue Qualitäten von Begegnungen geschaffen werden, vieles
wird auch erst dadurch bewusst gemacht. Und meist entsteht etwas
sehr Überraschendes durch solche „Konfrontationen", sei es
das neue Material oder die neuen Bekanntschaften.
Der eigentümlich fragende Aussagesatz der Überschrift zu diesen
Gedanken, ein Graffiti auf einer Museumswand in Aarhus, drückte
für mich diese wache, fragende und doch aussagende Position aus.
Auch, dass das Symposiums-Spiel als erster Schritt in eine neu
gestaltete Wirklichkeit zu verstehen sein könnte. Sich einzulassen
auf etwas Ungewisses, und sei es der lustige Freund des anderen
Ichs. - Selbst am Ende des Symposiums, wo unsere Arbeiten in einer
Ausstellung im Atrium des Ringofens und in der Katalogpräsentation
den Augen der Besucher schmeicheln wollten, - kann man nicht wirklich
ermessen, welchen Fischfang an Gedanken und Eindrücken man gemacht
hat, obwohl man die Sinnesblende weit und offen gestaltete. Vielleicht
bleibt „lediglich" der Sinneseindruck des warmen Tongeruchs
in Erinnerung oder die Beobachtung der pfleglichen Behandlung
der Arbeiter an dem zweistöckigen Muttertier des alten Maschinenorganismus
„unseres" Ziegelwerks in Lysbro 
TeilnehmerINNEN des Art-Symposiums:
Malgozata Bielecka (Polen)
Bertine Bosch (Holland)
Marianne Fossgreen (Dänemark)
Lis Gram (Dänemark)
Harald Jegodzienski (Deutschland)
Külli Kôiv (Estland)
Kurt Matt (Österreich)
Bert Meinen (Holland)
Brenda Oakes (Wales)
Steen Rasmussen (Dänemark)
|