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Meine bildnerische Arbeit ist in „Erdtöne"
als klammernde Überschrift zusammengefasst:
Eine Verneigung vor der Vergänglichkeit,
die aber gleichzeitig die speziellen Töne von Lebendigkeit herausarbeiten
und konservieren möchte.
"Erdtöne" ist auch eine
Dokumentation von bildnerischen Verarbeitungen meiner Erfahrungen
bzw. Ein-Klängen ausgewählter Orte.
In der "bildenden Kunst" u n d
"Musik" gibt es z.B. eine "Kompositionslehre";
Auch die sprachliche Nähe dieser beiden Disziplinen ist in dem
Wort "Erdtöne" sofort vernehmbar. So ist meine
Aussage nicht so abwegig:
Ich möchte auch hören, was ich erlebt und
gestaltet habe!
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„En face“
(1. – 22. 7.2007) |
Metternich-Haus,
Koblenz
Lieselotte Sauer-Kaulbach |
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„Erdbriefe aus Paris“
(2004) |
Kunstzentrum Bosener Mühle, Bosen
Axel C. Gross |
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„Notation
des Schattenlächelns"
(2003) |
Deutsche Richterakademie, Trier
Axel C. Gross |
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"Lettische
Elegie" -
(2001) |
Galerie Daugava, Riga
Bernard Sordet |
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"Erdtöne"
-
(1995) |
Galerie "Perspektive",
Heuchelheim
Friedhelm Häring |
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"Ode an
den Backstein" -
(1992) |
Galerie "Werkkunstgalerie,
Würzburg
Lutwin Temmes |
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"Körper
als Masse, Raum als Medium, Form als Ausdruck"-
(1990) |
Oberhessisches
Museum, Gießen
Friedhelm Häring |
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"Kraft
der Weichheit"
(1988) |
Brandkasse Kassel
Helga Kempf-Jansen |
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"Transformation"
-
(1986) |
Galerie "Teehaus",
Bremen
Ulrich Gertz |
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"Transformation"
-
(1983) |
Galerie "Bilderhaus",
Frankfurt/M.
Ekkehard Schmidberger |
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„En face“
Koblenz, Metternich-Haus 1. – 22. 7. 2007
Lieselotte Sauer-Kaulbach
Meine Damen und Herren,
wenn Sie beispielsweise etwas mehr über Harald Jegodzienski erfahren möchten, dann können Sie das auch über eine Webseite tun, die bezeichnenderweise den Namen „erdtoene“ trägt, Titel eines Projekts, bei dem der Künstler Malerei, Bildhauerei und Musik zusammenbrachte. Und auf seiner eigenen Homepage findet sich, nicht weniger bezeichnend, gleich eine ganze Sammlung von Zitaten, die alle mehr oder minder unmittelbar etwas mit „Erde“ zu tun haben, sich auf „Erde“ beziehen.
Ein Künstler also mit Bodenhaftung. Trotzdem (oder gerade deshalb) weiß er um die Instabilität, die Zerbrechlichkeit alles Irdischen und thematisiert dies in seinen Arbeiten. Selbst wenn er sich in dieser Ausstellung ganz auf Malerei konzentriert und die keramische Plastik, die Bildhauerei, von der er herkommt, außen vor bleibt. Ganz richtig ist das eigentlich ohnehin nicht, denn in vielen der Bilder schaut uns der plastisch Denkende und Arbeitende aus der Fläche heraus an, tauchen unübersehbar räumliche, bildhauerische Formen in ihr auf.
Formen, die zwischen Entstehen und Auflösung, zwischen Natürlichkeit und Architektonik, Formen, die nicht weniger Schicht um Schicht wachsen, Gestalt annehmen, in diesem Fall eben Farbschicht um Farbschicht. Wobei es gar nicht mehr überrascht, wenn der Künstler, den der oder die eine oder andere von Ihnen vielleicht auch als Dozent, beispielsweise an der Europäischen Kunstakademie in Trier, kennen- und schätzen gelernt hat, als Maler ebenfalls häufig zur Erde zurückkehrt, entweder erdigen Farbtönen greift, ocker, steingrau, kalkiges Weiß, oder zu Schlamm und Staub als ungewöhnlichen Malmaterialien.
Das verleiht gerade den „Strandelegien“, die das Zufällige von Ansammlungen von Fundstücken am Strand zum Ausgangspunkt haben, trotzdem alles andere als zufällig komponiert sind, verblüffende Natürlichkeit, ohne dass man irgendwo von bloßer Nachahmung oder Abbildung sprechen dürfte. Denn im Prinzip könnten sie auch rein abstrakte, mit geometrischen und organischen Formen spielende Kompositionen ohne direkten Realitätsbezug sein. Den, meinte der Künstler im Gespräch mit einem leichten Schmunzeln, baue er in vielen Bildern trotzdem bewusst ein, um auch dem weniger geübten Kunstkonsumenten eine Chance zu geben, seine eigenen Erfahrungen und Erlebnisse in die Betrachtung mit einbringen zu können. Drastischer formuliert: Reales als Eselsbrücke für ansonsten möglicherweise eher zaudernde Betrachter.
Wer über diese Eselsbrücke ins Bild einsteigt oder assoziativ am Bild andockt, wird trotzdem und glücklicherweise (oder auch hoffentlich) schnell merken, dass er damit nur ein Zipfelchen dessen, was in den Arbeiten schlummert, erwischt, nur eine Schicht von vielen ab“schürft“ (da ist es wieder, dieses „Schürfen“, dieser Wille zum entdeckenden Aufspüren, den Jegodzienski als Kennzeichen gerade der Steinböcke als Sternzeichen nennt). Denn auch die Bilder, die zu einer „Gedankennester“ betitelten Werkreihe gehören, sind alles andere als einsinnig, stehen vielmehr eher für das, was dem Künstler selber so wichtig ist, nämlich die „Bildwerdung von Prozessen und Sichtweisen, die sich nicht platt abbilden lassen“. Wenn sie sich nicht einfach abbilden lassen, muss der Maler, der Bildhauer, will er ihnen Gestalt geben, nach Zeichen suchen. Zeichen, die ganz unterschiedlicher Natur sein können, die in jedem Fall so etwas sind wie die Essenz, das, was bleibt, wenn man gedanklich das Wesentliche vom Unwesentlichen wegfiltert. Oder wenn man, um wieder in der Sprache des Archäologen, die Jegodzienski als „Erdkünstler“ natürlicherweise nahe liegen muss, eben Schicht um Schicht abträgt, immer weiter schürft, zuerst mit dem groben, dann dem immer feineren Werkzeug, bis man auf den Kern trifft, auf das Eigentliche, von Geröll und Schutt befreit.
Sie sehen: Man stößt tatsächlich immer wieder, wenn man über die Arbeiten Harald Jegodzienskis spricht, auf diese „Bodenhaftung“, dieses Erdverhaftete, das bei ihm so etwas wie sein „Kern“ zu sein scheint. Man stößt darauf in den Farben, den Materialien, mit denen er arbeitet, der Farbtöne, des Schlamms, der Asche, mit denen er arbeitet, in den mit ihnen geschaffenen lebhaften Strukturen, den zwischen natürlich Gewachsenem und künstlich Geschaffenem angesiedelten Formen, wie sie uns auch in seinen „Gedankennestern“ begegnen, in dem schichtweise ablaufenden Entstehungsprozess der Bilder ebenso wie in dem praktisch genau entgegengesetzt vorgehenden, Schicht um Schicht abtragenden, wegschürfenden, von uns zu leistenden Annäherungsversuch an sie.
„Erdarbeiten sind Spuren der Auseinandersetzung mit unserer Umwelt. Erde wird gebraucht als Gegensatz zum sich Auflösenden, sich Verflüchtigenden. Sie ist unsere Existenz.“, zitiert Jegodzienski Rolf Iseli, einen Schweizer Maler. Den Gedanken vom sich Auflösenden, sich Verflüchtigenden, der, wo nicht deckungsgleich, so doch verwandt dem in der Kunst immer wieder thematisierten memento mori. „Gedenke, dass du Staub bist und zu Staub wirst.“ Erst recht drängt sich das angesichts der Köpfe und Gesichter Jegodzienskis auf, die in dieser Ausstellung breiten Raum ein - und Sie gleich im Erdgeschoss in Empfang nehmen und dann begleiten bis zum Obergeschoss, bis zu den witzig in Kartenmanier gedoppelten „Zaungästen“. Gesichter, die Bestimmtes meinen und doch nicht identifizierbar abbilden, die sich der individuellen Zuordnung entziehen und doch an ganz konkrete Menschen erinnern – jeden von uns vermutlich an andere, denen man irgendwann im Leben einmal begegnet ist.
Gesichter, die deshalb (und nicht nur deshalb) verunsichern, und das sehr bewusst, denn je mehr sich der Betrachter ihnen nähert (vielleicht, um eben irgendwelche Merkmale besser identifizieren zu können), desto mehr entziehen sie sich dem Zugriff und dem Versuch der einordnenden Festlegung, lösen sich vielmehr auf, werden zu weitgehend abstrakten, im Wesentlichen von der Farbe lebenden Kompositionen mit erstaunlichen Beziehungen zu Landschaftlichem. Und da wären wir ja schon wieder bei der Erde angekommen, nämlich bei dem unendlichen Reichtum an Formen, in denen sich Erde manifestieren kann und manifestiert (wie beispielsweise den Felsen von Terplice). Jedwede irdische Existenz ist zu klein und zu kurz, um diesen Reichtum erfassen zu können. Wer hätte besser und bissiger, witziger und deprimierender zugleich diesen Gedanken von der Winzigkeit alles Irdischen formuliert als Jean Paul? Der taucht nicht umsonst gleich mehrfach unter den Erdzitaten Jegodzienskis auf, u. a. mit den folgenden Zeilen:
„Könnte man auch alle Gassen auf der Kugel auf einmal hinunter- und hinaufsehen und so immer dieselbe Gemeinheit der Alltäglichkeit auf beiden Kugelhälften finden.. so würde ich fragen.. ist das die berühmte Erde? … Das Spuckkästchen drunten, das
Pißbidorchen, das ist der Planet.., würde ich einem Seraph antworten, der vor mir vorbeiflöge...“.
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„Erdbriefe aus Paris“
Eröffnungsrede von
Axel C. Gross
Anlässlich der Ausstellung im Kunstzentrum Bosener Mühle, Bosen
29. Oktober - 13. Dezember 2004
Liebe Kunstfreunde,
Sie kennen einen Künstler, der sich multimedial in mehreren Kunstrichtungen bewegt, der Linien zu Schrift und Schriftzeichen formt und formuliert, der seinen Zeichen und Schriften Wortsinn einflößt?
Sie kennen einen Künstler, der seine Worte zu hintersinnigen Gespinsten webt, die er seinen Bildern beifügt als Titel, Orden, Ehrung und Kennzeichen?
Kennen sie den Maler, der seine Raumvorstellung flächig konzipiert, übermalt, erhöht, zurücknimmt – daraus Gerüste und Konturen formuliert, der diese Gerippe mit „Fleisch“ versieht und tariert – im besten Sinne Innereien platziert und Gefüge lebendig werden lässt und farblich stabilisiert?
Und wer überträgt diese Absichten auf Plastiken und Skulpturen, die aus Vorgefundenem erwachsen und neues Leben erhalten?
Ein Historiker würde diesen Erdmenschen wohl im Barock suchen, damals beherrschten die Künstler noch alle Sparten nebeneinander – aber wir brauchen nicht weit zu gehen: dieser Künstler ist anwesend, steht vor uns, lehrt zur Zeit als Dozent in der Bosener Mühle – und ich darf ihnen Harald Jegodzienski in einem kleinen Portrait vorstellen. - Eine Auswahl von Bildern aus jüngster Zeit und Skulpturen, die im Zeitraum der letzten 3 Jahre entstanden sind, stellt er aus. Harald arbeitet in Zyklen, die beim ersten Hören seltsam klingen mögen, aber beim Hinsehen jede weitere Erklärung fast überflüssig machen.
Seine Reihen heißen „Erdtöne“, „Erdbriefe“ , „Gedankennester“ – Worte, Titel, die einem Lieblingswort wie „Habseligkeiten“ den Rang ablaufen könnten.
Unter dem Begriff „past perfect“ zeigt er 4 Raumgebilde, die im charmanten Gegensatz zu diesem ländlichen, bodenständigen Ambiente des Ausstellungsraumes stehen - nähren sich diese Plastiken doch von Schiffs-Maschinenteile als Vorbilder – die die Welt gesehen haben könnten. Nun wurden sie unter seinen Händen mit dem Material Ton geformt bzw. belebt und seither sind sie Botschafter des Künstlers. Ihre Existenz ohne Funktion wird in dieser klar gegliederten Räumlichkeit ein Quartett von Hinguckern und erscheinen wie leicht gealterte und ergraute – weise – Persönlichkeiten, deren Funktion auch hinterfragt werden soll.
Seine Bilder, das sind von der Entstehung her keine Gemälde im Sinne von traditioneller Tafelmalerei – es sind Bilder in verschiedenen Arbeitsschritten entstehend, wo sich Pinsel und Farben, Asche und Schlamm als gleichwertiges Gestaltungsmittel unterordnen. Ruhephasen erlauben dem Bild sein Werden zu überdenken und zu verstärken. Die Intentionen sind so verschieden, wie die individuellen Bildtitel, die mittlerweile zu Titelgedichten oder Titelgeschichten ausgewachsen sind. Allein die Worte zum Bild muss man sich auf der Zunge buchstäblich oder Wort für Wort zergehen lassen und ohne ein Werk genau betrachtet oder verinnerlicht zu haben, macht der Titel schon neugierig und schafft eigene Bilder in uns. Wer sich Zeit nimmt und in Muße diese Bilder zu verschiedenen Tageszeiten betrachtet, wird sensibler für die dezente bis aufreizende Farbigkeit, die sich dann ständig ändert. Zarte Valeurs in der Natur/Figur steigen auf in Konkurrenz zu den markanten Akzenten, die in der Malerei von Harald J. stärkeren Raum beanspruchen. Mit der Aufhellung der Palette dominieren intensive Farbpartituren die neueren Werke.
Der Umgang mit Erde, Wasser, Feuer, Asche, Farben, Formen, Wärme, Kälte, Tönen, Technik geschieht nicht losgelöst vom Objekt, sondern immer im Dialog mit solider handwerklicher Ausübung. So entstehen auch seine Werke selbst im Dialog. Da kristallisiert sich zunächst eine Gedankenlinie heraus, an der gefeilt wird. Diese Linien münden nicht automatisch in ein bildnerisches System – sie werden Schrift oder Wort, Information und Gedanke und selbst ein Teil des Bildes – Wortbilder transportierend.
Hierzu aktuelle Beispiele:
„Gestundete Zeit“: „Ich liege in dampfenden Erdhänden, lausche dem Tuscheln zottig wogender Gräser und folge dem wolligen Samen, der flitternd durch das gleißende Licht seine Bahn zieht. Die Antwort eines gestundeten Sommertages“
Oder „Im dürftig gezimmerten Gebälk eines Versuchs erfasst die spielende Hand in hohem Maße die Bildung von Bewusstsein“.
Oder „Schattenwirbel“– „Der Flügelschlag der Zeit verwirbelt meinen Schatten. Also werde ich ein würdiger Gastgeber des Lichts sein!“
Oder „Heimat“ – „Wenn die Felder in der engsten Umgebung tief umgegraben und gründlich beackert worden sind, wird bei Grenzüberschreitungen das Fremde schnell zur Heimat“.
Zu seiner Person:
Das Pendeln zwischen beiden Kulturen von Deutschland und Lettland ist ein Wechsel zwischen Spannungsfeldern. Es entsteht Reibung, die keinesfalls nur Verluste hervorbringt, sondern den Gedanken an „past perfect“ untermauert.
Zart und behutsam äußert er sich seither in seiner Muttersprache und lernt in der Fremde den Wert neu zusehen und zu kombinieren – „past perfect“ auch hier, weil die direkten Kontakte mit der Sprache der Werbung ausbleiben und das Wesentliche unserer Sprache zu einem kostbaren Gut wird. Teilnahmen an Symposien weltweit und Ausstellungen in aller Herren Länder folgen. Was wir als Alltag kennen, läuft bei ihm in Kassel, Gießen, Riga, Paris, in der Provence, in der Toskana ab. Seit 1988 nimmt er Lehraufträge wahr. Zuerst an der Uni Gießen, dann hier in Trier in der Europäischen Sommerakademie, der Saarpfälzischen Sommerakademie in Blieskastel und im Kunstzentrum Bosener Mühle. Hier habe ich ihn auch als Kollegen kennen und schätzen gelernt. Doch nicht genug, seit 15 Jahren leitet er seine eigene „freie akademie" in seiner Heimatstadt Gießen. - Wer in einen persönlichen Dialog mit dem Künstler eintreten will, hat hier und heute ausgiebig Gelegenheit. Wer aber aktiv vom Künstler lernen will, hat an einigen genannten Orten die Chance, in lockerer Atmosphäre künstlerische Lebenshilfe und Spaß am Schaffen und Finden zu bekommen. So hat er sich überall eine treue Fangemeinde geschaffen, die ihm allen Anschein nach auch heute Abend nach Bosen gefolgt ist. Er versteht es, wie gesagt, in einer zwanglosen Art, seine Schüler geschickt zu eigenen Lösungen zu führen: Impulse und Beispiele kombiniert mit profunden Tipps handwerklicher Art und einer genauen Beschreibung der Eigenschaften von Material, Werkzeugen vor allem Prozessen beim Gestalten und Brennen.
Bei der Arbeit mit Ton verliert er nie den direkten Bezug zu seiner Erde, seiner Basis. Er sieht sich als geerdeter Mensch , der zwischen Polen hin- und herspringt, ohne die Standfläche zu verlieren – mit gehöriger Bodenhaftung verwirklicht er in seinen Werken die Sehnsucht nach Leichtigkeit und lässt seine Mittel schwingen. Sonor und erdig aber auch noch hell, luftig und himmlisch Ton und Töne, Klangfarben und Farbklänge sind Kennzeichen seines Schaffens..
Er schreibt, malt „Erdbriefe“ auf Leinwand und anderes Material – er liebt es, spielerisch und für den Moment, Briefe in den Schlamm und auf den Strand zu schreiben. Eine Botschaft sendet er aus in der Gewissheit, dass der Regen alles wegspült und die nächste Welle seine Worte wieder auflöst, mitnimmt. Zitat: “Schrift und Erde gehen eine Symbiose ein und steigern sich gegenseitig zum Bedeutungsgewinn“. Haralds momentanes Lieblingswort heißt denn auch „Absichtserklärung“. Ein Fotograf lichtet ab – Harald sichtet ab d. h. er sieht es für uns und schreibt seine Sichtweise nieder, klärt Sachverhalte, stößt neue Gedanken an und teilt mit seiner Erklärung mit – mir ist dies nun klar geworden.
So lockt er uns auf seine Fährte: Wir haben als Kinder - nur als Kinder - Wolkenbilder gedeutet. Wolken sind Bewegungen, Bewegungsspuren am Firmament. Überall können wir natürliche Bewegungen sehen und spüren, wer sich das erhalten hat: Zweige im Wind, Wasser, das über Steine springt, Blätter, die aufgewirbelt werden, Eisblumen, Naturformen mal starr, mal in Bewegung, träge Formveränderungen, manchmal rasante Wechsel. Echse und Gepard - ein Gegensatz im Tempo, aber anmutig allemal. Bewegungen überdecken sich. Oder denken wir an einen Fischschwarm oder an eine Schafsherde oder ganz profan an den Stau auf der Autobahn: Da steht eine Wagenkolonne still und die anderer rasen in der anderen Richtung vorbei.
Harald hat keine konkreten Vorbilder für die jeweiligen Arbeiten, er spielt mit den Elementen: Er schichtet und malt, er kratzt und schneidet, er fräst und spachtelt. Schicht für Schicht arbeitet er an sich selbst und arbeitet sich dem Betrachter entgegen. In diesem langen Bildprozess wird ständig neu gewichtet. Es gilt eine Balance zu schaffen, eine Balance zu halten. Unwichtiges fällt heraus. Das Bild gewinnt an Tiefe, der Künstler lotet aus - er vermeidet Grundberührung, steuert sich spielerisch an einen Liegeplatz, um sein Werk im Zyklus festzumachen. Dabei hört er ständig in sich hinein und bringt seine persönliche Ausgeglichenheit als Balance in sein Werk.
So handelt er auch „menschlich mittig“, wenn er seine Gedankennester aufbaut, austüftelt. Er sammelt die Worte des Tages und setzt sie spielerisch zusammen – meist mitten unter seinen Mitmenschen in Riga oder wo er sich gerade befindet. Beobachtungen und Ereignisse fließen ein – es entsteht ein Hort für Gedanken, ein Nest. Seine Gedanken sind nicht nur frei – sie werden flügge – wenn auch manchmal ein Nesthocker bleibt, der ihn für lange Zeit beschäftigt. Ich bin gespannt auf sein Gedankennest dieses heutigen Tages!
Machen Sie sich jetzt die Freude und betrachten Sie die Kunstwerke wie ein riesiges Geschenkpaket - verstehen Sie jede Arbeit wie ein kostbares kleines Geschenk, das aufwendig verpackt ist. Nehmen Sie sich die Zeit, Schicht für Schicht ihren Gegenstand zu entwickeln. Gehen Sie auf Entdeckungsreise mit den Werken von Harald Jegodzienski.
Ich wünsche Ihnen viel Spaß –
dem Künstler und seiner Ausstellung einen vollen Erfolg!
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„Notation
des Schattenlächelns"
Axel C. Gross
Eröffnungsrede anlässlich der Ausstellung
in der Deutsche Richterakademie, Trier
30.01 -29.04.2003
Harald Jegodzienski stellt Ihnen heute eine Auswahl
von Bildern und Skulpturen vor, die in den letzten drei Jahren
entstanden sind und die er in Arbeitsreihen oder Zyklen zusammenfasst.
Seine Arbeiten mit dem Titel „past perfect" bilden mit der
Architektur dieses Hauses einen reizvollen Kontrast: Ihre Existenz
bilden in der klar gegliederten Räumlichkeit der Deutschen Richterakademie
eine wahre Serie von „Hinguckern", erscheinen gleich gealterter
„Individuen", deren Funktion und Aussage hinterfragt werden
soll. Sie provozieren jedenfalls dies Ansinnen.
Erlauben Sie mir einige persönliche und damit subjektive Gedanken
über die Arbeit meines geschätzten Dozentenkollegen. - Ein Maler,
ein Bildhauer, ein Musiker und Wortspieler ist er und versteht
sein Werk als ein interdisziplinäres Finden. Er lockt uns damit
auf verschiedene Ebenen, entführt uns in neue Räume und geleitet
uns auf dem Weg zu unseren eigenen Mitte. Um sich seinen Geheimnissen
zu nähern, brauchen wir einige wenige Informationen, damit wir
den Menschen und den Künstler, seine Bilder und Skulpturen in
unserem Gedankengerüst verankern und vertäuen können.
Harald Jegodzienski wurde vor einem halben Jahrhundert in Kassel,
der Stadt der „Dokumenta" geboren. Er ist noch jung genug,
um spielerisch gestaltete und frische Lösungen vorzustellen. Er
ist andererseits reif genug, um vielfältige Kunst und Lebenserfahrungen
mit Experimenten zu bündeln und in seinem persönlichen Gestaltungsstil
unverwechselbar zu verwirklichen. In den 50er Jahren seiner Kind-
und Schulzeit hatten unsere Eltern andere Sorgen, als sich um
Markenklamotten, Styling und Zeitgeist zu kümmern. Man kämpfte
einfach ums Überleben. Dieses wunderbare Wort „Überleben"
wird heute leider als „über dem Leben" zelebriert und führt
zu Abgehobensein und sagt der notwendigen Bodenhaftung, die wir
doch alle brauchen, „adieu". Weil damals fast jeder damit
beschäftigt war, die Grundbedürfnisse zu befriedigen, hatten die
„Kids", die man damals noch Kinder nennen durfte, überall
Gelegenheit, ihre noch üppige Freizeit mit elementaren Erfahrungen
zu nutzen. Mit Erde, Wasser und Feuer zu spielen und das in frischer
Luft. War es ein glücklicher Zwang, weil es sonst nichts gab?
- In der Rückschau war es fruchtbar und anregend: Sandkuhlen,
Erde, Garten, Bach, Fluss, Weiher, Wiesen, Steine, Felsen, viele
Trümmer, Trümmergrundstücke, Bäume etc., etc., etc.. - Spiel-
und Lernorte waren eins, wurden intensiv und unmittelbar ausgekostet.
- Ich wünsche allen, dieses Phänomen gesund erlebt zu haben. Wenn
dies der Fall sein sollte, haben Sie beispielsweise Erdtöne kennen
gelernt, gesehen, gefühlt, gespürt, geschmeckt oder … Erdtöne
gehört.
Harald
hat diese Erlebnisse gespeichert, erweitertet und kultiviert.
Der gleichnamige Zyklus spricht all unsere Sinne an. Er selbst
nennt es eine Möglichkeit, um Malerei, Musik und Skulptur zu verbinden.
Es entsteht ein Gewebe, wenn er Kette als Farbe und Schuss als
Form zusammen bringt. Je nach Ausgangsmaterial bildet sich ein
Gespinst, - ob grobes Leinen, Segeltuch oder feines Linnen. Alles
wird zunächst in Strukturpartituren zusammengefasst, einem Sud
oder der Essenz von seinen Eindrücken und Erlebnissen.
Sie strahlen dann später in Bilder und Skulpturen aus, beeindrucken
und beeinflussen zudem Musiker und Komponisten, die daraus Klangbilder
und Klangräume schaffen können. Mitten im Leben stehend, will
Harald weniger selbst erzählen, wie z. B. ein Herr Grimm oder
ein Herr Andersen. Nein, er schafft Gebilde, die reichlich Impulse
aussenden mit denen der Betrachter, der Erlebende seine eigenen
Geschichten formulieren kann und ich glaube auch, formulieren
soll.
Zurück zur Person: Harald Jegodzienski absolvierte sein Studium
für das Lehramt „Bildende Kunst" und trat letztendlich eine
kluge Entscheidung: Er verzichtete auf den sicheren Broterwerb
in der Schule und studierte anschließend seinen zweiten Studiengang
„Freie Kunst". Schon das Wort „frei" - „Freie Kunst"
… drückt nicht schon diese Bezeichnung den bizarren Kontrast zu
den Mühlen unserer Schulen aus?
Zurück zu seinen Arbeiten: Der Umgang mit Erde, Wasser, Feuer,
Asche, Farben, Formen, Wärme, Kälte, Tönen, Technik geschieht
nicht losgelöst vom Objekt, sondern immer im Dialog mit solider
handwerklicher Ausübung. So entstehen auch seine Werke selbst
im Dialog. Da kristallisiert sich zunächst eine Gedankenlinie
heraus, an der gefeilt wird. Er schafft Bilderwelten, die sich
zu Zyklen erweitern. Er entscheidet sich für das Material für
ergänzende und/ oder verfremdende Elemente, bündelt sie zu künstlerischen
Notationen. Dann wird ein Titel geschaffen, der den anfänglichen
Ausgangsimpuls möglichst exakt wieder gibt. Erst dann beendet
er seine Arbeit, dann hört er auf mit dem Übermalen, dem Überarbeiten
seiner Skulpturen.
Die eigentlichen Spielorte hat Harald nicht gewechselt, sondern
er hat neue hinzugefügt. So sind Flohmärkte oder Trödellager sein
mehrschichtiges Troja. In seinen Augen wird ein deformiertes Blech
zu Goldmaske und Kugellager mutieren zu Perlenketten. Er sieht
Produktionsstätten für Alltagsgegenstände als Schatzkammern, als
Lieferanten für seine persönlichen Ausgangsformen, denen er einen
neuen Sinngehalt schenkt, so wie andere unter seinen Händen geadelt
werden oder einen Orden erhalten. Schrott- und Flohmarktgegenstände
sind abgelegte, entsorgte Dinge, die uns lange nützlich und dienstbar
waren, aber wegen kleiner Defekte im großen System oder einem
banalen Modellwechsel von jetzt auf gleich nutzlos werden. Ändert
sich die Funktion der Dinge, bleibt meist ihre Gestalt unangetastet.
Ich komme noch mal zu Person: Harald erntete Preise. In Gießen
setzte er seinen ersten Lebensmittelpunkt und ab 1995 den zweiten
Mittelpunkt in Riga, der Hauptstadt Lettlands. Dort lebt und arbeitet
er mit seiner Frau, die auch Künstlerin ist. Hier findet er eine
Lebensart, die nicht so überfrachtet ist wie die unsrige. Er taucht
ein in Freiräume, die sich dieses Volk gerade geschaffen hat und
die unvorstellbare Kreativität freisetzt.
Teilnahmen an Symposien weltweit und Ausstellungen in aller Herren
Länder folgen. Was wir als Alltag kennen, läuft bei ihm in Kassel,
Gießen, Riga, Paris, in der Provence, in der Toskana ab. Seit
1988 nimmt er Lehraufträge wahr. Zuerst an der Uni Gießen, dann
hier in Trier in der Europäischen Sommerakademie, der Saarpfälzischen
Sommerakademie in Blieskastel und im Kunstzentrum Bosener Mühle.
Hier habe ich ihn auch als Kollegen kennen und schätzen gelernt.
Doch nicht genug, seit 14 oder fünf Jahren leitet er seine eigene
„freie akademie" in seiner Heimatstadt Gießen. - Wer in einen
persönlichen Dialog mit dem Künstler eintreten will, hat hier
und heute ausgiebig Gelegenheit. Wer aber aktiv vom Künstler lernen
will, hat an einigen genannten Orten die Chance, in lockerer Atmosphäre
künstlerische Lebenshilfe und Spaß am Schaffen und Finden zu bekommen.
So hat er sich überall eine treue Fangemeinde geschaffen, die
ihm allen Anschein nach auch heute Abend nach Trier gefolgt ist.
Er versteht es, wie gesagt, in einer zwanglosen Art, seine Schüler
geschickt zu eigenen Lösungen zu führen. Impulse und Beispiele
kombiniert mit profunden Tipps handwerklicher Art und einer genauen
Beschreibung der Eigenschaften von Material, Werkzeugen vor allem
Prozessen beim Gestalten und Brennen.
Bleiben wir bei den Skulpturen: Sie verkörpern seine elementaren
Ansprüche, auf mehreren Ebenen zugleich anzusprechen und zu vermitteln.
Er kombiniert seine Fundstücke mit funktionslos gewordenen anderen
Teilen oder filigranen Ergänzungen zu neuen Gebilden. Dazu kommt
Farbe. In fast allen Fällen verliert sich ihre grelle und aggressive
Buntheit und wird wie ein Gemenge aus Schutzanstrich und/oder
Leichentuch, als Uniform oder besser als Unifarbe. Er selbst schreibt:
„Meine Skulpturen muten an Gegenstände, deren konkrete Nutzung
verborgen bleibt". Man meint aber zu ahnen, dass sie noch
vor kurzem gedient haben. Maschinen scheinen eine blockhafte Mitte,
ein neues Herz zu bilden. Als neuer Corpus verbergen Sie ihren
ursprünglichen Zweck, der nicht mehr zurück zu verfolgen ist.
Man versteht die vormalige Maschinenidee nicht mehr, obgleich
ein kluger Kopf mit Verstand das Werk schuf, um es zu nützen.
So sind diese Skulpturen der „past perfect"-Reihe körperhafte
Gegenstände, in der Basis stabil, massig und fest. Oft ergänzt
mit formalen Alltagszitaten, ausgebildet als Tentakel, Antenne,
Sensor oder Nervenbündel. Das filigrane Beiwerk realisiert Bindungen
und Verbindungen, Versorgungs- und Entsorgungsstränge, die, wenn
sie gekappt werden, in seiner Hand neue Bedeutung erhalten. Raumgreifend
nützlich, aber ohne Funktion. Ästhetische Ergänzung, weil der
reine Nutzen überfällig wurde. Der Betrachter stellt selbst neue
Verbindungen her. Der Künstler provoziert Fühlen, Tasten, Erleben
und Geschichten, die sich jeder selbst ausmalen soll und darf.
Ahnungen festigen sich, Gedanken fügen sich. Aktivität ist beim
Erleben gefragt, nicht Adaption. Das Nichtgegenständliche wird
neu komponiert - es fügt sich leichter, wenn wir Funktion außer
Acht lassen.
Seine Bilder sind von der Entstehung her keine Gemälde im Sinne
von traditioneller Tafelmalerei. Es sind Bilder, die in verschiedenen
Arbeitsschritten entstehen, wo sich Pinsel, Farben Sande, Asche
und Schlamm als gleichwertige Gestaltungsmittel unterordnen. Dabei
sind auch die Intensionen so verschieden wie die individuellen
Bildtitel oder die Namen der Zyklen, die da heißen: „Mondscheinelegie",
„Notation vom Traumgestern" oder „Notation des Schattenlächelns".
Allein diese Titel muss man sich auf der Zunge buchstäblich zergehen
lassen. Ohne eine Arbeit genau betrachtet oder verinnerlicht zu
haben, machen die Titel schon neugierig und erzeugen in uns eigene
Bilder.
Mit seinen Bildern lockt er uns auf andere Fährten. Wir haben
als Kinder - nur als Kinder - Wolkenbilder gedeutet. Wolken sind
Bewegungen, Bewegungsspuren am Firmament. Überall können wir natürliche
Bewegungen sehen und spüren, wer sich das erhalten hat: Zweige
im Wind, Wasser, das über Steine springt, Blätter, die aufgewirbelt
werden, Eisblumen, Naturformen mal starr, mal in Bewegung, träge
Formveränderungen, manchmal rasante Wechsel. Echse und Gepard
- ein Gegensatz im Tempo, aber anmutig allemal. Bewegungen überdecken
sich. Oder denken wir an einen Fischschwarm oder an eine Schafherde
oder ganz profan an den Stau auf der Autobahn: Da steht eine Wagenkolonne
still und die anderer rasen in der anderen Richtung vorbei.
Harald hat keine konkreten Vorbilder für die jeweiligen Arbeiten,
er spielt mit den Elementen: Er schichtet und malt, er kratzt
und schneidet, er fräst und spachtelt. Schicht für Schicht arbeitet
er an sich selbst und arbeitet sich dem Betrachtet entgegen. In
diesem langen Bildprozess wird ständig neu gewichtet. Es gilt
eine Balance zu schaffen, eine Balance zu halten. Unwichtiges
fällt heraus. Das Bild gewinnt an Tiefe, der Künstler lotet aus
- er vermeidet Grundberührung, steuert sich spielerisch an einen
Liegeplatz, um sein Werk im Zyklus festzumachen. Dabei hört er
ständig in sich hinein und bringt seine persönliche Ausgeglichenheit
als Balance in sein Werk.
In seinen jüngsten Arbeiten hat er monochromen Flussschlamm eingearbeitet.
„Back to the roots"?! Und welche Erkenntnis kommt dem Maler?
Die Masse ist grau, die Masse ist neutrale Farbe. Er erhebt die
leiseste Farbspur zu einer wichtigen Fläche im Bild. Ein Hauch
von Blau weitet sich aus zu einem himmlischen Fleckchen Erdtöne,
Himmelstöne. Der Flussschlamm hinterfragt, untergräbt und stellt
unsere traditionelle Sehweise in Frage. Er lässt fließen und hält
uns in Bewegung, macht Farben deutlich und gewichtet sie neu.
Seine Bilder geben den hellen funktionalen Wänden hier ein anderes
Gesicht, seine Skulpturen erobern diese Räume neu. Wer sich Zeit
und Muße nimmt, seine Arbeiten zu verschiedenen Tageszeiten zu
betrachten, wird sensibler für die verhaltene Farbigkeit, die
genau in die momentane Wetterlage passt: Der schneeweiße Wand-Farbgrund
lässt schwächste Farbnuancen, zarteste naturhafte Farbvaleurs
aufsteigen und verhilft ihnen zu außerordentlicher Beachtung.
Personen, die dieses Haus täglich erleben oder länger kennen,
dürfen ab heute ein verändertes Seherlebnis kosten.
Machen Sie sich jetzt die Freude und betrachten Sie die Kunstwerke
wie ein riesiges Geschenkpaket - verstehen Sie jede Arbeit wie
ein kostbares kleines Geschenk, das aufwendig verpackt ist. Nehmen
Sie sich die Zeit, Schicht für Schicht ihren Gegenstand zu entwickeln.
Gehen Sie auf Entdeckungsreise mit den Werken von Harald Jegodzienski.
Ich wünsche Ihnen viel Spaß - dem Künstler und seiner Ausstellung
einen vollen Erfolg!
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"Lettische Elegie"
Eröffnungsrede anlässlich der Ausstellung
in der "Galerie Daugava", Riga - 6. Mai 2001
Meine Damen und Herren, lieber Harald,
schon seit langem hatte ich vor, dir zu schreiben,
um dir mitzuteilen, was Deine künstlerischen Impulse bei mir ausgelöst
haben.
Mir scheint, dass du in gewisser Weise ein Forscher
bist. Schließlich ist ein Maler auch Chemiker. Aber du bist auch
Bildhauer und Physiker. Du untersuchst das Gedächtnis und seine
Wirkungsweise. Du bist ein Alchimist der Erinnerung.
Ich habe immer Bernard Palissy bewundert und
wenn ich im 16. Jahrhundert gelebt hätte, hätte ich ihn gerne
unterstützt so wie Katarina
von Medici es tat und viel- leicht wäre er den Verliesen der Bastille
entkommen. Er war der Alchimist der toten Materie und der lebenden
Natur. Er erschuf neue Tierarten aus seiner Fantasie.
Heute bin ich fasziniert von Harald Jegodzienski´s Arbeit. Sie
bereichert die Beziehung zwischen Inhalt und Form. Vielleicht
vermag "Form" doch zu befreien statt einzuengen?
Die Alchimie untersucht, wie Mensch und Natur auf- einander reagieren
und bis zur Synthese dieser Reaktion sind mehrere Entwicklungsstufen
nötig, wie Rousseau es in seiner Philosophie dargelegt hat.
Es überrascht also nicht, dass wir uns in einem Universum von
vielgestaltigen Bildräumen befinden, in welchem wir in aller Freiheit
und Kraft unserer Fantasie unsere eigenen Räume erbauen können:
Ein neues Babylon, das in undogmatischer Weise an den Maler-Architekten
Constant der COBRA-Bewegung erinnert.
Aufgabe ist es, über die Alchemie des Universums und des Lebens
nachzudenken, wie auch schon die ältesten Kulturen es getan haben.
(Ich erinnere mich dabei an die Entdeckung von Mzaba, mitten in
Algerien). Aber Jegodzienski´s Werke sind auch Aufrufe zur Befreiung
von einengenden Denkschemata.
Anhand eines Dir wichtigen Materials - dies können sogar Liebesbriefe
sein - spielt sich ein Kampf ab zwischen Erinnerung und Erkenntnis.
Die Waffen sind fein geschliffen, ungleich und der Kampf ist schrecklich:
Quetschungen, Reibungen, Verschmelzungen ... Einbrechen, Aufstieg,
Einstürze, Aufprall. In dem Spannungsfeld zwischen Gewalt und
Zartheit, Natur und Weltall bündelt der Künstler
in
einem langen Prozess alle Kräfte, um Erinnerung und Erkenntnis
zum "Ein-klang" zu bringen. Einklang sogar im Sinn von
"Musik" .
Der magische Zauber der so entstehenden Raum-Materie besteht darin,
dass sie lebendig ist. Sie regt dazu an, uns selbst zu entdecken,
mit den Entschlüsselungsmöglichkeiten, die unser Gedächtnis uns
liefert. Dabei können auch Musikstücke entstehen. Dutilleux hat
uns mit seiner Komposition über Vincent von Goghs "Sternennacht"
den Weg gewiesen (in dem Zusammenhang möchte ich erwähnen, dass
Harald Jegodzienski auch mit Komponisten, Musikern und DJ`s interdisziplinär
zusammenarbeitet Klänge).
Für meine Person ist diese Raum-Materie etwas
un-geheuer Lebendiges und der Streit um Figurativem und Abstraktion
wirkt damit verglichen steril. Hier entdecke ich Schlacken der
Erinnerung, Exkremente der Geschichte, Ablagerungen, Erneuerung.
Neben Versteinerungen finden sich Humus und lebende Organismen.
Und ich betrete einen Mikrokosmos voller Reichtümer, der vor Lebendigkeit
nur so brodelt. Ich höre die Musik, die diesem Universum entstammt,
das bis dahin für Auge und Ohr unerreichbar war.
Diese Bilder und Skulpturen von Harald Jegodzienski, die aus der
Erinnerung leben, um zu leben, sind eine Einladung zur Wiedergeburt.
Ich weiß, wie wichtig diese ist, für den Einzelnen genauso wie
für die Allgemeinheit.
Verzeih diese wenigen Zeilen. Sie sind nur ein Nachhall dessen,
was ich empfunden habe. Deine Fragestellungen und Akte der Befreiung
sind notwenig für mich und für uns alle.
Bernard Sordet - Riga, Paris
(EU-Kommission, Kunstliebhaber)
Übersetzung aus dem Französischen:
Barbara Holtmeyer, Oberhausen |
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"Erdtöne"
Eröffnungsrede anlässlich der Ausstellung
in der Galerie "Perspektive", Heuchelheim (3. November
1995)
Vielleicht haben Sie einmal die Gelegenheit genutzt,
um Harald Jegodzienski in seiner Werkstatt auf dem Unteren
Hardthof (in Giessen) zu besuchen, oder Sie haben vor 5 Jahren
die Ausstellung im Oberhessischen Museum gesehen. Wenn Sie mit
diesem Weg bis vor 5 Jahren vertraut waren, dann wissen Sie, warum
es so schwer ist, heute eine Einführung seiner Arbeiten zu halten.
Denn: Harald Jegodzienski hat sich verwandelt, oder das was er
uns jetzt zeigt, zeigt einen ganz anderen Künstler - so will es
zunächst einmal scheinen.
Nun gehört "Häutung" zum Künstler an sich. Es häutet
sich z.B. die Larve der Libelle. Es platzt am Rücken auf, dann
kriecht dieses kleine Lebewesen zunächst an einen rettenden Halm,
spannt die Flügel auf, und wenn keine eklige Unke kommt, um es
zu verspeisen, dann beginnt
es den Flug. So ist die Verwandlung hier im Besonderen zu beachten
als ein Prinzip des Künstlerischen an sich. Und wir wollen sehen,
ob diese Verwandlung nicht doch im Wesen den Jegodzienski zeigt,
den wir kennen: Er hat zunächst einmal mit den Elementen, mit
Feuer, Erde, Luft und Wasser gearbeitet. Er hat Klumpen Ton genommen,
ihn gestoßen, gestampft, gestichelt, gesägt, gehämmert und dann
geknickt, gefaltet und geordnet. Er hat also aus der Masse Volumen
geschaffen. Er hat diese Volumen dann zu unglaublich spannende
Formengebilden gestaltet, dass wir den Eindruck vermittelt bekommen
haben, als würde er Eisen biegen. Es brach auf. Es verwandelte
sich. Man hatte das Gefühl, man müsse in diese Gestaltungen hineinkriechen.
In dem Katalog, der hier zu Ansicht ausliegt, können Sie diesen
Weg noch einmal rekapitulieren, um sich dann vielleicht zu fragen,
ja wie kommt er denn jetzt zu solchen Bildern? - Aber es gibt
hier schon einen Hinweis: Die Ausstellung hat den Titel: "Erdtöne".
Und diese "Erdtöne" machen es einem zunächst insofern
leicht, als man dann vielleicht an Richard Wagner und den Urton
denkt. Da haben wir ja ein Element: Mikeja, die Urmutter, das
Wasser, das Fließen, den Schlamm. Und "Erdtöne" bedeutet
in diesem Zusammenhang auch, dass er mit einem ähnlichen Element
- Schlamm aus einem kleinen Bach Dänemarks - zunächst einmal diese
spezielle Einfärbungen und dann, wie jeder Künstler, damit Grundstrukturen
entdeckt. Gewissermaßen die Leitmotive des Irdischen. Die Grundmuster,
die in einem Stein, einem Stöckchen oder in einem Kiesel vorhanden
sind, - das hat er sich mit dem Auge, z. T. mit der Kamera notiert.
Es kam zu bildnerischen Grundstrukturen, die Sie in seinen "Partituren"
oder "Kammertönen" sehr schön eingefangen finden und
ablesen können.
Das ist etwas ganz wichtiges: Wir neigen dazu, KünstlerINNEN immer
in eine Schublade zu stecken. Er/ Sie hat gefälligst das zu machen,
was man von dieser Person gewohnt ist, was man also schon kennt.
Die Frage ist, wie nähert man/ frau sich dem Gemeinten, dem Neuem.
Das ist ein fortwährender Prozess. - Seine "Partituren"
sind auch Weg, sind auch Leben. Was hat er gefunden? Was zeigt
sich uns? Die Papieruntergründe sind gefaltet, sie sind angetuscht,
mit dem Bachschlamm überfangen und gequetscht; - das ist im Wesen
und Prinzip, vom Entstehungsprozess etwas, was er mit seinen Tonarbeiten
auch gemacht hat. Das heißt, es sind schon zwei Elemente da: die
Erde und das Wasser, mit denen er in seinen Papierarbeiten umgeht.
Wie ist das nun mit der Luft? Nennen wir das Pneuma, nennen wir
das Atem, dann sind wir in dem spirituellen Bereich, in dem diese
Kunst insgesamt angelegt ist.
Es ist auch in diesen Arbeiten zu spüren, dass diese wohl nicht
nur erzählen, aber das sie auch wie jede Kunst gleichzeitig Stationen
und Tagebuch sind. Auch seine "Notenbündel": das Aufleuchten
von Flächen, das Zurücksinken von Dunkelheiten. Und es gibt bei
ihm dann die verrückte Idee, dass sich das übertragen ließe in
die anderen Künste, in das andere Leben schlechthin. Wahrscheinlich
bin ich immer noch so ein kleiner Junge unter dem Weihnachtsbaum,
der davon träumt, dass diese Welt doch noch zu heilen, zu sanieren,
zu retten sei; dass man lieb zu einander sein kann. So ist im
Künstlerischen etwas angelegt, von diesem Drang aus der Gesellschaft
in das Eigentliche, in das Innerste, in die Konzentration zu gehen.
Auch mit diesem Wunsch des Harmonikalen, der Versöhnung, des Zusammenspiels.
Deswegen auch morgen das "musikalische Zusammenspiel"
der zwei Disziplinen: malerische Notierung und musikalische Verarbeitung
dieser Notierung (Klänge).
Bei diesem schwierigen Prozess der Findung solcher
neuen und aufregenden Bildern ist mir bei den wenigen Möglichkeiten
eines zufriedenstellenden Lebens eine kleine Leseprobe eingefallen.
Und zwar habe ich in den Bänden zur Philosophie und Ästhetik,
Frankfurter Ausgabe des Inselverlages Band 6, einen Aufsatz von
Valéry über Bert Marisol gefunden. Eine dicke Berta beschreibt
er darin mit ihren Grundbedürfnissen des Abstrakten Sehens. Nicht,
dass du Harald mit der dicken Berta etwas zu tun hättest, aber
dieses abstrakte und methodische Sehen und die Verwandlung. Ganz
animiert war ich, was die Verwandlungen angeht, die wir im Zusammenhang
mit Deinen Selbstporträts erleben (Startseite).
Da sehen wir je 16 mal Harald Jegodzienski, ganz böse, melancholisch
lächelnd, neutral blickend und herzhaft lachend, frontal, seitlich
von rechts und von links. - Und ich dachte dabei, den hast du
nie gekannt. Und genau genommen passiert das oft: mit dem wir
uns manchmal auch so lange beschäftigen - wirklich kennen und
begreifen können wir die Person nicht. Das geht uns sogar mit
dem nächsten Menschen so. Wenn jetzt auch noch so ein grüblerisches
Wesen ins Analysieren kommt, dann weiß man häufig genug gar nichts
mit ihm anzufangen. Und da fiel mir ein, dass Pythagoras sich
in seinen Kreisen nicht hat stören lassen und dass die Ästhetik,
Bedenklichkeit und Ernsthaftigkeit dieses Mannes genauso ist,
wie die des Bauern, der an der Farbe der Früchte die Zeit der
Ernte erkennt. Das meine ich mit "abstraktem Sehen und Denken".
Und dieses Abstrakte beschreibt in Zusammenhang mit Bert Marisol
Paul Valéry so:
"Im Gegenpol zu dieser Abstraktion erscheint die Abstraktion
des Künstlers. Die Farbe spricht zu ihm als Farbe und er antwortet
der Farbe mittels der Farbe. Er lebt mit seinem Gegenstand in
der Mitte dessen, was er zu begreifen sucht und ständig in einer
Versuchung, einer Herausforderung, Beispiele, Probleme in einer
unaufhörlichen Analyse, in einem Rausch ohne Ende. Er kann nicht
anders sehen, woran er denkt und denken muss, was er sieht."
Das ist ein Weg dazu, zu diesen Grüblerischen und Ernsthaften
dieser Arbeiten von Harald Jegodzienski, - die sicherlich auch
wieder in der Tonskulptur weiter-geführt werden - , die sicherlich
aber ein ganz wesentlicher Schritt sind, um ein für ihn gewohntes
Muster zu stören, aufzubrechen.
Man sieht das hier auch in dieser Ausstellung an der Hängeskulptur
"Opus". Das ist ein Farbklang. Das Wort "Klang"
ist ja geradezu reizvoll und suggestiv für diese Ausstellung.
Da gibt er diesen alten Weg der Skulptur, dieser raumverdrängenden
Skulptur, auf. Da nähert er sich schon der Fläche.
Und dieses "Archiv": da sieht man gleichsam Inventarkärtchen
und Backsteine, von dem hohen Brand im Ofen gekennzeichnet. Die
Haut, die ganz offensichtlich ein wesentliches Stigma in der gesamten
Kunst von Harald Jegodzienski ist. Häutung und Haut. - Ich will
noch einmal auf Valéry zurückkommen:
"Berta, so erlebte ich sie, mit ihren großen Augen, die so
außerordentliche Aufmerksamkeit bei ihrer Aufgabe waren. Bei ihrer
ständigen Leistung, dass er von sah dieses Fremde aussehen zukam.
Dieses Abgetrenntsein, das von ihr trennte." - Das war also
das Eigentümliche, das was mir bei den Fotos vorhin mir einfiel
- kennt man ihn überhaupt? Wie erscheint eine Person? Und wie
erscheint jemand, wenn er plötzlich etwas ganz anderes macht?
Fremdartig - aber fremd auf eine eigentümlich Art: "Fremd
- entfernt durch ein Übermaß von Gegenwart. Nichts entwickelt
mehr diesen abwesenden Ausdruck, der sich abhebt von seiner Umgebung
als die Fähigkeit, das Gegenwärtige in seiner ganzen Reinheit
zu sehen." Das ist, wie ich meine, der schönste dieser Sätze,
der mich so beglückt hat, weil ich besseres gar nicht sagen kann.
Diese Gegenwart der Arbeiten, diese Präsenz, auch dieses sich
Hinwenden zu einer neuen Tür, die Flügel aufzumachen für einen
neuen Flug. Das ist das Spannende an dieser Ausstellung. Ich bin
dankbar, diese Verwandlung miterleben zu dürfen.
Dr. Friedhelm Häring Giessen (im November
1995)
(Direktor des Oberhessischen Museums, Giessen)
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"Ode an den Backstein"
Eröffnungsrede anlässlich der Ausstellung
in der Galerie "Werkkunstgalerie", Würzburg (10. April
1992)
"Ode an den Backstein": für Harald Jegodzienski
ist es die erste Ausstellung, die sich thematisch um eine bestimmte
Idee verdichtet. Dennoch versteht er sein Thema auch als Fortführung
seines bisherigen künstlerischen Werkes - allerdings im Kontinuum
seiner Ent-wicklung
auf einen bestimmten Gedanken reduziert und gebündelt, nämlich
auf das Thema "Backstein".
Auch die früheren Werkphasen "Transformation" (ab 1979),
"Knickformation" (ab 1987), "Stapelung" (ab
1990) waren dadurch gekennzeichnet, dass sie Jegodzienski´s thematische
Anliegen darstellen, das weiche, amorphe Verwitterungsmaterial
"Ton" durch die entsprechende Handhabung von Kulturtechniken
- also durch die handwerkliche und künstlerische Potenz von keramischem
Schaffen und Bildhauerei - in eine organisierte Form zu bringen,
die sich einerseits der Dimension des Raumes als begrenzbare und
begrenzte Strukturierung der Skulpturen bedient, und in der andrerseits
die Skulptur als "Transformation" oder als "Knickformation"
eine gestaltete und gestische Aussage für den Raum bekommt, -
wobei Raum immer auch als Lebensraum verstanden wird.
Wer Harald Jegodzienski´s Schaffen neugierig und anteilnehmend
über die Jahre hinweg begleitet hat, weiß, wie ideenreich und
vielfältig er sein jeweiliges Thema in immer neuen Variationen
der Grundformen gestaltet hat. Dabei gibt er seinem künstlerischen
Wirken auf einer zweifachen Bedeutungsebene Sinn und Perspektive:
Auf der Ebene einer naturhaften Materialsymbolik und auf der Ebene
des gestalteten Werkes im geistig-kulturellen Kontext.
In dem philosophisch-tiefsinnigen Aufsatz "Die Kraft der
Weichheit" (in: "Neue Keramik" 1/90, Seite 5 und
6) bringt Jegodzienski zum Ausdruck, was ihn an dem Material "Ton"
so reizt: Es ist die dynamische und polare Dialektik des vorgefundenen
Naturmaterials "Ton" mit all seiner empfindsamen und
verletzbaren Weichheit im Bezug zur kreativen Potenz des Künstlers,
der dieses Naturmaterial in eine organisierte Form und Aussage
umwandeln kann und somit zum kraftvollen Bedeutungsträger menschlichen
Geistes und menschlicher Kultur machen kann.
In "Ode an den Backstein" wird der Prozess der "Erhöhung"
der amorphen Materie "Ton" auf die über die Materialsymbolik
hinausgehende "kulturelle" Bedeutungsebene besonders
bewusst gemacht. Zunächst begreift Harald Jegodzienski die Ausstellung
unter dem Arbeitstitel "Grundlage". In seinen Gedanken
zur Ausstellung
schreibt
er: "Ode an den Backstein liefert mir nicht nur die sympathische
Assoziation an Musik und Takt, nicht nur das feierliche Gedicht
an einen profanen Gegenstand, sondern stellt das metrische (Vers-)
Maß und die unterschiedlichen Äußerungen mit dem Modul "Backstein"
in den Vordergrund. Einem künstlichen Stein, … der zu dem ältesten
Fertigteil der Menschheitsgeschichte wurde - mit folgenden Eigenschaften:
handlich, also der menschlichen Dimension angemessen, um mit diesem
Modul in der Summe z.B. Behausungen, Grenzen oder Türme in einem
geordneten Verbund zu schaffen. Ein Backsteinverbund wird von
der Statik und er Anschaulichkeit als selbstverständlich begriffen."
Gerade diese Selbstverständlichkeit ist es, die Harald Jegodzienski
mit der Würzburger Ausstellung untersuchen und in Frage stellen
will. Dass er sich dabei im Verarbeitungsfeld "Backstein"
in eine geradezu erdrückende keramische Tradition einreiht, macht
diese Ausstellung so spannend und bedeutungsvoll.
"Ode an den Backstein" ist in zwei Bereiche unterteilt
und realisiert worden: Im Innenraum der Galerie die Skulpturen
- auch als Bozzetti -, im Hof draußen besonders die Installationen,
manche mit direktem Bezug zum Ort. Der Künstler variiert sein
Thema in Reihungen (z.B. "Grundlage I", "Grundlage
II 1 - 5"), in Stapelungen (z.B. "natura morta"),
in Senkrechten und Geraden (z.B. "Gestapelte Gerade",
"Endliche Gerade"), in Abstraktionen (z.B. "terra
morta"), in Kommentaren (z.B. "Fadenkreuz", "Würzburg
F 11", "Erdsäule (Würzburg - Neuseeland)") - und
immer doch stehen die Backstein-Elemente im Vordergrund und in
Beziehung zueinander. In "Grundlage I" als übergreifende
Reihung zu "Grundlage II, 1-5" hat Jegodzienski 216
vorgefundene alte, im Feldbrand hergestellte - dadurch rissig-naturhafte,
sanft abschattierte Backsteine in 12 er Gruppen auf den Boden
unseres Rathaus-Hofes gelegt, beziehungsweise gestellt und damit
den Hof in eine neue und lebendig-rhythmische Ordnung gebracht.
Gleichzeitig wird durch das Regel-Maß, durch Rhythmus und Takt,
die Arbeit zum "Gesang" an den Baustein. - Auch die
übrige Architektur des Rathaus-Hofes ist einbezogen: etwa die
Bogenarkaden durch eine
für den Künstler typische Skulptur, welche die Rundung des Bogens
als Vertikale aufnimmt ("Gestapelte Gerade - Bogenkaskade").
- Auf dem Boden dann Mahnmale der Vergänglichkeit: Eine flache
Kiste mit Sand gefüllt enthält den Abdruck von einer Art Skelett;
Sie lässt an ein Grab erinnern ("Endliche Gerade").
- Bei der Würzburg gewidmeten Bodenskulptur wird die Dialektik
von Konstruktion zu Destruktion besonders augenfällig: Auf einem
mit Asche geschwärztem Stadtplan stehen vereinzelte Steine mit
tatsächlichen Eindrücken von Fadenkreuzen - Assoziationen, hervorgerufen
durch die während des Golfkrieges auf dem Fernsehschirm sichtbar
gewordenen Ziele und Fadenkreuze - auch Erinnerungen an das 1945
zerstörte Würzburg und daran, dass diese Bedrohung jederzeit und
allenthalben wieder möglich ist.
Im Innenraum der Galerie ebenso neue Variationen des Themas: Stein
für Stein schichtet Jegodzienski aufeinander, verdreht und abgeknickt,
verrutscht und mühsam Halt suchend, von Durchbrechungen belebt,
gequetscht und geschunden - Assoziationen an Wirbelsäule, Skelett
und Brandspuren drängen sich auf. Durch massive Krafteinwirkung
verändert der Künstler die Form der Module und macht so die Verletzlichkeit
der Masse sichtbar. Durch das Spiel mit der Form gestaltet Harald
Jegodzienski Raum und eignet sich Raum an, der durch den künstlichen
Backstein eine kulturelle Bestimmung erfährt.
Erstmals bei einer Ausstellung ist Jegodzienski mit eigenen Bildern
vertreten: auch hier bestimmen amorphe Materialien die Struktur
der Bilder. Asche und Sand, verbunden mit Acryl, geben den Bildern
einen archaisch anmutenden Charakter mit bröckeligen, nie glatten
Oberflächen, in denen in übereinander gelegten Schriftbildern
Chiffren zu buchstabieren sind ("Ein Mensch", "Ein
Weg", "Erde"). Die Bilder stehen in einer intensiven
Beziehung zu den Skulpturen. Die Ausstellung bekommt auf der Bedeutungsebene
plötzlich eine zusätzliche Dimension: Raum wird Lebensraum, die
Chiffren auf den Bildern weisen diesen auch für den Menschen als
Lebensraum aus.
Bei all dem hat man den Eindruck, als ob Harald Jegodzienski durch
seine Arbeiten versuchen wolle, Prinzipien oder Elemente des Lebensnachzuspüren,
etwa dem dynamischen Prinzip des Werdens und Vergehens. Auf der
Ebene der Materialsymbolik greift Jegodzienski auf das Einfache,
Ursprüngliche, Natur-gegebene zurück: Auf Erde. Ton ist ein Material,
das als Verwitterungsprodukt
ffür
Vergänglichkeit steht, aber er wird mit dem von Menschenhand geschaffenen
Backstein zu einem Strukturelement menschlichen Lebensraumes ,
der diesem Ordnung, Regel-Maß, Wachstum und Sinnfälligkeit verleiht.
Obwohl das Modul "Backstein" selbst den Gefährdungen
des menschlichen Lebensraumes ausgesetzt ist, - und zwar immer
schon in der gesamten Menschheitsgeschichte durch Eingriffe von
Gewalt, in labilen Gleichgewichten, mit geschundener und verbrannter
Haut, auf verbrannter Erde, - so bleibt der Backstein dennoch
ein Element des Aufbaus und des Konstruktiven. Er wird auf der
geistig-kulturellen Bedeutungsebene zu einer Metapher für Hoffnung.
Im Verbund vieler Steine schafft sich der Mensch Behausung, Schutz,
Intimität, Möglichkeiten des Wachstums, orientierende Ordnung
in seinem Lebensraum.
In "Ode an den Backstein" lässt Harald Jegodzienski
teilhaben an den vielen Facetten des Themas "Werden und Vergehen"
- letztlich bleibt der Backstein aber ein Baustein für das Leben.
"Ode an den Backstein" wird zum "Gesang der Hoffnung"
- trotz alledem!
Lutwin Temmes, Rimpar (im April 1992)
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"Körper als Masse, Raum als Medium, Form als Ausdruck"
Oberhessisches Museum, Gießen
Friedhelm Häring (1990)
Begrüßung.
Meine Damen und Herren, was Sie hier sehen, lässt
sich in zwei Gruppen und in zwei Worten kurz fassen: Auf der einen
Seite haben wir "Transformationen" und auf der anderen
Seite "Knickformationen". "Transformationen"
sind solche Arbeiten, in denen sich eine Einheit wiederholt und
durch leichte Veränderungen zu einer besonderen Spannung geführt
wird. "Knickformationen" sind erhebliche Eingriffe in
die formale Gestaltung, in denen elementar in den Raum und in
die Raumstruktur eingegriffen wird.
Die "Transformationen" sind etwas älter, als die "Knickformationen".
Die "Transformationen" sollen uns zunächst einmal beschäftigen.
Vielleicht schauen Sie sich in Ihrer Nähe ihres momentanen Standortes
ähnliche Arbeiten an. Es wird also, ich sagte es bereits, aus
einem Element eine Struktur gewonnen, die sich dann, wie in diesem
Beispiel, in vier Elementen wiederholt. Was transformiert wird,
ist der untere, elementare, normale, immer wiederkehrende Bereich.
Hier gibt es dann einen sanften Eingriff, es wird in einen schlanken
Steg hochgeführt, das ganze wiederholt sich. - Diese Wiederholungen,
oder sanften Variationen, schaffen an solchen Plastiken überhaupt
erst die Spannung, die Energie, aus der sie dann aufwachsen und
stelenhaft als Zeichen der Ordnung, des geordneten Geistes, als
Idee auch von Weltordnung im Raum stehen.
Die "Knickformationen" sind raumgreifend. Sie haben
Durchbrüche, Aufbrüche, sie sind lastender, lagernder, atmender.
Sie saugen den Raum anders auf und definieren Raum auch anders.
Dieses sorgsame und nuancenreiche Abwägen, zwischen dem, was als
Element vorgegeben ist und dem was an Spannung in der Plastik
aufgebaut wird, diese nuancenreiche Abstimmung bezieht sich auch
auf uns. Wenn ich eben vielleicht eher etwas pathetisch sagte,
dass damit auch das Maß für die Welt, oder eine Weltordnung gemeint
ist, dann ist eben auch der Betrachter im Nachvollzug dieses sensiblen,
feinen Formgefühls aufgerufen, sich selbst zu sensibilisieren,
zu Ruhe
zu kommen, zur Besinnung zu kommen. Im Endeffekt sind solche Mittel
konkrete Mittel, konstruktive Mittel. Es ist unter anderem auch
eine Ideenkunst, eine kategorische Kunst, eine gesetzliche Kunst,
eine Kunst, die mit dem Einfachsten arbeiten will, um uns das
Entscheidende zu lehren. Vielleicht ist der Ton in besonderer
Weise geeignet, uns das zu vermitteln, weil er im Unterschied
zu manch anderen konkreten Künsten noch etwas mittransportiert
an Sinnlichkeit, an Eros, an Haut, an Empfindsamkeit für Oberfläche.
Harald Jegodzienski hat, wie ich meine, das Sekundärmaterial "Ton"
wieder zu einem Primärmaterial geschaffen. Ich sage, das Sekundärmaterial
"Ton". Es gibt uralte Tonkulturen, uralte Beschäftigungen
des Menschen mit diesem elementarsten Material. Wenn Sie im Oberhessischen
Museum z.B. durch unser Wallenfels´ sche Haus gehen, unsere Abteilung
für Vor- und Frühgeschichte, von der Erdgeschichte ins Paläolithium,
Mesolithikum, Neolithium gehen, kommt im Neolithium diese großartige
Entdeckung, dass man aus Ton Gefäße schaffen kann. Diese Tradition
lebt bis heute. Das Oberhessische Museum besitzt eine Sammlung,
in der man über Jahrtausende die Verarbeitung von Ton zeigen könnte.
Nur ist in unserem Erscheinungsraum der Ton nicht so wesentlich
geworden, wie in anderen Kulturen. Denken Sie an das Zweistromland,
denken Sie an das, was Nebukadnezar im wunderbaren Ischtia-Tor
hat erbauen lassen, die großen Symbole der Macht, der Staatsmacht
auch. Ja, wir kennen die Stelle aus der Bibel: "Und sie saßen
an den Ufern des Tigris und weinten und hingen ihre Harfen in
die Bäume und weinten und sollten von Israel singen." Und
da ist dann dieses Tor (560 v.Chr.). Wenn man in Berlin im Museum,
dem Pergamommuseum steht, und schaut dann unvermittelt auf dieses
Tor, dann geht einem das Herz schneller, man bekommt Tränen in
die Augen, weil man spürt, wie Wahrheit und Wahrhaftigkeit eines
geschriebenen Wortes eines Textes in eine historische Präsenz
überführt ist. Das sind Großkulturen, in denen Ilgamesch die Tonkultur
mitbegründet hat. Da waren große Kulturen, wo z.B. ein Golem geschaffen
wurde, von einem Rabbi, der sein jüdisches Volk schützen wollte
- in der Zeit der Renaissance in Prag. Das waren große Kulturen,
wo auf dem Tempel der Etrusker z.B. Veji ein Apollon aus Ton steht.
Man kann also vielmehr mit Ton, als nur das Gefäß schaffen -,
vor dem wir höchsten Respekt haben sollten. Die japanische und
chinesische Kultur lehrt uns ja, - und auch die griechische -,
wie sehr körperhaft, wie sehr geisthaft ein Tongefäß ist.
Aber "Ton" als Ausdruck eines Gesamtgeistes, eines Weltgeistes,
das kennen wir im nebeligen Germanenreiche nicht, wo der Ton ja
natürlich auch viel leichter zerfällt. Da also war Ton ein Primärmaterial
und wir haben uns eigentlich so ein bisschen in die "Dippche"-Kultur
überführt. Wir haben ein Sekundärmaterial daraus gemacht, eine
Beiläufigkeit, etwas, was ja ursprünglich, oder in der Genesis
der kunsthistorischen- und kunsthandwerklichen Techniken benutzt
wurde, um zu modellieren. Figürchen - da macht man einen Wachsüberzug,
macht seine Abgüsse in Gips, dann schmelzt man das aus und dann
hat man eine Bronzefigur z.B. im Glockenguss. Ton - da ist das
sinnvoll. So steht vieles, was in Ton geschaffen wird, auf tönernen
Füßen. Aber hier ist eine andere Präsenz. Und diese tönernen Füße
sind nur in diesem Falle tönern, weil sie über den Rand eine ganz
andere und neue Dimension vermitteln. Ein Aufrechtes, ein in die
Welt weisen, ein sich Aufbauen, das über diese Strukturiertheit
sogar Antwort geben kann zur Architektur, zur Gestaltung von Räumen,
zum Lebensraum an sich.
Meine Damen und Herren, neben dem historischen Weg, neben den
verschiedenen Ansprachen, die wir dem Ton abgewinnen können, ist
etwas sehr eigentümliches und sehr wichtiges dies, dass das Verarbeiten
und Arbeiten mit Ton ja im Endeffekt die vier Elemente berücksichtigt:
Feuer, Wasser, Luft und Erde. Das Feuer möchte ich herausstellen.
Denn das Feuer leistet etwas, was für solche Arbeiten ganz Entscheidendes.
Deshalb haben wir auch den groß-mächtigen Brennofen abgebildet.
Es ist sozusagen das entscheidende Handwerkszeug, das er hat.
Das Feuer scheidet Wasser und Luft, es treibt es aus dieser Masse
heraus und erhärtet dann die Erde, damit sie fest wird. Aber das
ist dann kein logisches, also auf Logik zurückgehendes gefährliches
Experiment, wenn einer mit soviel elementarer Strenge , mit soviel
disziplinierten Verstand, mit soviel Formsinn an seine Arbeit
und an seine Arbeiten herangeht.
Nun, bei den "Transformationen" habe ich gesagt, da
schiebt er, da drückt er, da knickt er oder da biegt er um. Hier
vorne ist das schön zu sehen: wenn etwas umgebogen wird, dann
kracht das. Diese Risse sind wichtig - da atmet das noch nach,
da ächzt das Material und stöhnt. Da will man auch reingreifen,
das bleibt auch in sich stabil. Das darf wackeln, man darf es
nur nicht umschmeißen. Das wäre ein Elend.
Nun, was macht dieser Mann? Ich habe versucht, es zu begreifen,
denn Ton war mir außerordentlich fremd. Ich habe versucht es zu
begreifen und habe gefragt, „Harald, was machst Du da?" Da
hat er gesagt, „am besten, Du schaust Dir das an". Da hat
er dann lauter so "Elefantenknödel", solche Tonklumpen
gemacht. Er musste sich überhaupt erst einmal einen Rohling schaffen,
d.h. die Fülle an Tonklumpen muss er zusammenfügen, was dann hinterher
so aussieht, wie ein Holzblock. Und dann hämmert er und klopft
er und arbeitet mit Kraft in diesen Ton hinein. Und dann hat er
mir gesagt, "der Ton schlägt zurück" - das habe ich
nicht verstanden. Das, was an innerer Struktur, an Verdichtung,
an innerster Maserung, sozusagen an den Verläufen der Muskulatur
der Zellen, in einen Ton hineingepackt worden ist, das bringt
er auch wieder im Schrumpfungsprozess zurück. Das kann sich dann
nicht ganz berechenbar drehen. Wenn es nicht dicht genug ist,
kann es platzen. Es kostet also sehr viel Energie, so etwas herzustellen.
Wenn er dann einen Rohling hat, geht er ähnlich heran, als würde
er Bretter sägen wollen. Ich sage das jetzt einfach so. Bretter
sägen kann man ja nicht. Ton ist ja so etwas, wenn er zu dünn
ist" was zwischen den Händen zerfällt. Er nimmt also einen
Draht, und schneidet sich die Elemente heraus. Und das sieht man
auch noch: diese Haut, die nachschliert. Das schöne an all' diesen
Arbeiten ist, dass Sie jeden Prozess des Kantens, des Knickens,
des Umfaltens, des Aufschneidens sehen. Sie sehen auch, wo er
einzelne Elemente, sozusagen das Modul, den Kernsatz, das Hauptwort
oder das Verb, - was ja vielleicht noch wichtiger wäre -, wo er
also was miteinander verbindet: mit dem Daumen, darüber geht mit
Schlicker. Das ganze bekommt dann noch einen Überzug von Asche.
Er arbeitet unmittelbar. Und das ist der Eros dieser Arbeit -
auch eine Unmittelbarkeit, die sich nachlesen lässt, nachvollziehen
lässt, begreifen lässt. Über das Hauptgespür und über den Anreiz
des Optischen zwingen uns diese Figuren zur eigenen Proportioniertheit.
Gerade diese, die da in der Ecke, etwas verschmäht im Moment steht,
weil so viele davor stehen, sie zeigt dann auch das Brüchige,
das Aufreißen. Da haben wir dasselbe wieder: dieses Einzelelement,
das transformiert wird, in dessen Flügel sozusagen dann der Wind
mit an den Kanten emporrauschen kann, und solche Enden, die leicht
rund sind. Aber da, wo er das Material strapaziert, da reißt es.
Und dieser Riss ist wichtig. Es ist sozusagen neben aller Ordnung,
neben allen konstruktiven Sinn, neben aller Wahrheit des Gesetzlichen,
der Schmerz, der in jedes Kunstwerk, in jedes Leben dazu gehört.
Nicht immer, als das Salz in der Suppe, - da ist schon manches
übersalzen -, aber den Schmerz, das Stöhnen des Materials, das
Zerreißen und Aufbrechen, in dieser Form mitzuakzeptieren, ist
einer der Geheimnisse dieser Arbeiten.
Meine Damen und Herren, ich wünsche dieser Ausstellung, dass sie
in einer Stadt, die es mit dem Kunstsinn, bei allen vielen schönen
Aktivitäten doch manchmal etwas schwierig hat, - wobei ich gar
nicht sagen will, dass hier Ödland ist, - ich wünsche also dieser
Ausstellung viel Erfolg. Es ist eine strenge Ausstellung, eine
asketische Ausstellung in manchem Sinne, eine sehr philosophische
Ausstellung und deswegen zeigen wir sie mit besonderer Freude.
Viel Antwort, Harald. - Meine Damen und Herren, viel Spaß an den
Arbeiten. Und mit dem Künstler kann man sich sehr angenehm unterhalten.
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"Kraft
der Weichheit"
Helga Kempf-Jansen
Eröffnungsrede anlässlich der Ausstellung
in der Brandkasse Kassel
27.4. - 9.6.1988
Man stelle sich vor: Einen sehr großen und recht
ungewöhnlichen Raum, ausgestattet mit allen Dingen des Alltags,
die man notwendigerweise braucht.
In diesem Raum befindet sich ein Mann in dunkler Arbeitskleidung,
die mit hellen Lehmspuren gesprenkelt ist. - Er steht am Tisch,
zerteilt mit ruhigen, verhaltenen Gesten mit Draht grauen Schieferton,
treibt das Material mit dem Holzhammer, klopft, dehnt, staucht
es, hinterlässt glatte und raue Spuren, scharfe
Kanten, sanfte Wölbungen, beginnt es aus den Begrenzungen herauszulösen,
stellt es aus der Horizontalen in die Vertikale, beginnt es zu
formen, Formelemente zu vervielfältigen, dann zu bündeln und ist
mitten im Prozess
des Machens, aus dem er erst wieder auftaucht, wenn die Terrakotta-Plastik
aus dem großen Ofen im angrenzenden Raumareal heil wieder herauskommt.
Der Raum, von dem ich hier spreche ist eine zum Atelier umgebaute
Reithalle einer ehemaligen Bierbrauerei in Giessen, der Mann ist
der Künstler Harald Jegodzienski.
Der Raum, wie auch die Intensität der Arbeitsprozesse sagen etwas
über die Professionalität des Künstlers aus, der hier nun seine
Arbeiten ausstellt. Er ist über eine ganze Reihe von Ausstellungen
bereits an die Öffentlichkeit getreten und ist in besonderer Weise
von der Presse beachtet worden. Zudem verfügt er über eine zusätzliche
Auszeichnung: 1985 wurde ihm der Westerwaldpreis für frei gestaltete
Skulptur überreicht.
Unter seinen Händen erhält das weiche Material 'Ton' Härte und
Festigkeit, Statik und Sprödigkeit, eine verhaltene Farbigkeit
und eine klar gegliederte Oberfläche. Unter seinen Händen folgt
es ganz bestimmten Gesetzmäßigkeiten, erwächst aus viereckigen
Grundformen zur Säule, die sich in Bündelungen gleichläufig oder
gegenläufig aufeinander beziehen, wobei die Torsion - die schraubende,
spiralige Bewegung also, das Grundprinzip dieser Bündelungen ist.
Unter seinen Händen erhält das Material aber auch, trotz aller
geometrischer Grundprinzipien, mathematisch und physikalisch beschreibbarer
Formelemente seine Weichheit zurück, gerät aus der Starre dieser
geometrischen Prinzipien in Formenverhaltener Bewegungen, scheint
verletzbar und sensibel, ist nicht nur kühl und klar, sondern
auch warm und geheimnisvoll, ist nicht nur verhalten grau, sondern
entfaltet beim genauen Hinsehen eine reiche Palette nuanciertester
Farbtöne.
Genau diese Ambivalenz von Kalkül und Intuition, von Geometrie
und Gestus ist es, die den unvergleichlichen Reiz und die Qualität
dieser keramischen Plastiken ausmacht.
Die Arbeiten, die hier ausgestellt sind, folgen zwei verschiedenen
Grundkonzeptionen. Da sind zunächst die „Transformationen"
- Arbeiten aus den Jahren 1985 - 1987. Es sind die Arbeiten, bei
denen über bestimmte Grundprinzipien erstellte keramische Elemente
sich bündelnd addieren und zu Bewegung bzw. Schwingungen gebracht
werden.
Die neuen Arbeiten enthalten ein weiteres Grundprinzip als Formungselement:
Es ist der Kreis bzw. der Ring, zu dem die Quadrat- oder Dreiecksäulen
gebogen, geknickt, gequetscht, gekeilt werden. Darüber entstehen
zum einen ganz neue raumgreifende Möglichkeiten, das Primat der
Vertikalen wird eingeschränkt, indem nun auch horizontale Formationen
entstehen und zum anderen erhält das Material über die Keilungen,
Knickungen und Quetschungen ganz
neue Ausdruckscharaktere. Es wird spröde, rissig und rau und lässt
so, - sehr viel stärker als in den bisherigen Arbeiten -, ganze
Assoziationsbündel, Gesehenes, Erlebtes, Stimmungen und Emotionen
zu.
In diesen neuen Arbeiten wird ein immer größer werdendes Spannungsfeld
von rationaler Durchdringung materialer Begebenheiten einerseits
und assoziativer Einbindungen wie emotionaler Schwingungen andrerseits,
erfahrbar.
Ich wünsche ihnen, wie dem Künstler Harald Jegodzienski für diese
Ausstellung viel Erfolg!
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"Transformation"
Eröffnungsrede anlässlich der Ausstellung
in der Galerie "Teehaus", Bremen (31. Oktober 1986)
Meine sehr verehrten Damen und Herren,
ich möchte einige Gedanken zu den Arbeiten dieses Künstlers sagen,
der sowohl Bildhauer, wie auch Keramiker ist: Harald Jegodzienski,
- wie ich ihn sehe.
Es ist ein großer Vorteil für mich und für jedermann, der jetzt
hier ist, und in Zukunft in den nächsten Wochen sich diese Ausstellung
sich ansehen kann: Man muss keine Literatur lesen, die vorschreibt,
was er nun in diesen Arbeiten zu entdecken ist und wie diese Arbeiten
zu bewerten sind, sondern jeder von uns, wie wir hier sind, haben
die unerhörte Freiheit, einfach das zu sagen und das zu empfinden,
was wir vor diesen Arbeiten eben erleben.
Die Bekanntschaft mit den Arbeiten von Jegodzienski ist älter,
als meine Bekanntschaft mit ihm selbst: 1983 war eine Ausstellung
von Arbeiten der Kasseler Hochschule in Hannover. Dort fielen
mir unter der Mannigfaltigkeit der keramischen Objekte eben diese
Arbeit von Jegodzienski auf. Warum, werden Sie fragen?
Er ist mir aufgefallen, weil mir hier zum ersten Mal innerhalb
eines ganz bestimmten Zeitraumes, mir ein Künstler begegnet ist,
der nicht sich darauf konzentriert, überlieferte oder zur Zeit
gehandhabte keramische oder bildhauerische Formen zu variieren,
ihnen ein persönlichen Effekt gibt, sondern der ganz ernsthaft
eine Idee von einer plastischen Form realisiert, die so und in
dieser Form mir nicht bekannt ist. Ich sage eben: Mir. Es mag
andere geben, die weiter orientiert sind, die Literatur stärker
übersehen, als ich. Die vielleicht der Meinung sind, aufgrund
eines fotografisch optischen Eindrucks zu sagen: Ja, aber … und
dann einen Namen nennen. An diese denke ich nicht. Ich denke einfach
daran: Hier habe ich Objekte, hier sehe ich sie. Und ich als der,
- sagen wir "Kunstfreund" -, der diese Arbeiten betrachtet,
muss seine Einstellung zu diesen Werken finden. Suchen wäre verkehrt.
Nämlich man muss den Zugang zu diesen Dingen sinnlich finden und
nicht intellektuell Vergleiche suchen.
Hier bei Jegodzienski ist mir eines aufgefallen: Hier ist ein
junger Mensch am arbeiten, der sich loslöst, der sich befreit
von dem Eigentlichen, war er gelernt hat. Er hat Gefäße und menschliche
Figuren gemacht und dann
plötzlich tritt diese Art von Konstellation ein: Eine Betonung
der optisch und haptischen Vertikalen, die gleichzeitig meines
Erachtens auch der Ausdruck von Strenge, von Statik, d.h. auch
von einer geistigen Eindeutigkeit und Haltung ist.
Zunächst sah ich die Dinge, so wie Sie sehen - anschaulich. Wir
sehen sie in ihrer ganzen Entfaltung in die Höhe hinein. Wir sehen
sie im Rund-Herum, - jede einzelne Arbeit. Und je mehr man sich
mit den einzelnen Arbeiten,- oder jeder für sich eine Arbeit herausgreifend
-, beschäftigt, stellt man fest, dass das Entscheidene - und das
war für mich seinerzeit in Hannover das Entscheidende - , dass
jede einzelne Formation aus dem Grundriss entwickelt ist. So,
wie eine Architektur aus einem Grundriss heraus sich in den Raum
hinein entfaltet, d.h. sinnvoll, geordnet, entfaltet und wie Sie,
falls Sie sich mit den Werken der Gotik beschäftigt haben, den
Bauzeichnungen, den Aufrissen der Bauhütten beschäftigt haben,
dann wissen Sie, dass aus der Horizontalen heraus der Maurer arbeiten
konnte und er wusste aus diesem Grundriss heraus, wie die Details,
sagen wir im oberen Abschluss des Bauwerks, anzuordnen sind. Diese
Logik, diese Disziplin habe ich in diesen Arbeiten entdeckt, habe
festgestellt, dass hier keine Willkür vorherrscht, dass keine
einzige dieser Arbeiten sich damit begnügt, willkürlich Geschaffenes,
Herumliegendes nun zu einem harmonisch Ganzen zu ordnen. Sondern
im Gegensatz dazu: ein harmonisch Ganzes so zu präzisieren, dass
es eine Vielfalt von Ansichten, von Ausdrucksmöglichkeiten im
Grunde genommen ein und derselben Konzeption zur Darstellung bringt.
Achten Sie nachher einmal darauf, wenn Sie sich die einzelnen
Arbeiten ansehen, was sich vollzieht von der Grundfläche, vom
dem Grundriss der Komposition heraus bis hin zum Abschluss der
Arbeit.
Es wäre vermessen für mich, nun über die Technik, über das rein
Technische zu sprechen, denn ich bin kein Keramiker. Ich bin mehr
ein ästhetischer, intellektueller, vielleicht auch irgendwie anders
orientierter Nutznießer der Keramik. Ich weiß nur aus einer zeitlich
bestimmten Arbeit von Harald Jegodzienski, nämlich seiner Diplomarbeit
1985 in Kassel und aus einem Gespräch, dass wir kürzlich in seinem
Atelier in Giessen miteinander führten, wie er arbeitet, welches
Material er verarbeitet. Und da ist mir z.B. aufgefallen, wie
hoch er seine Arbeiten brennt. Dabei ist mir auch aufgefallen
die Simplizität. Dieses Konzentrieren auf eine ganz einfache Arbeitsmöglichkeit,
wie er eine rektanguläre Säule unterteilt, halbiert, viertelt.
Wie er dann diese Viertelteile oder Halbteile dann durch "einfache"
Schläge mit einem Holzhammer auf einer Seite bearbeitet, - wenn
er diesen Strang vor sich gelegt hat. Sie können es tatsächlich
ablesen, wie diese feine Nuancierungsstufung in der Oberfläche
sich vollzieht. Und auch dieses Stauchen, auch dieses Festigen.
Wie dann dieses Material, diese Form sich rückseitig verändert.
Während auf der einen Seite durch den Hammerschlag Bewegung vollzogen
wird, schiebt sich auf der Rückseite, sozusagen in einer konkaven
Form dann die Fläche in den Raum. Das ist eine einfache Methode,
die so simpel ist - ich habe es jetzt natürlich verkürzt - , dass
man meint, da steckt keine Kunst drin. Aber was durch diese Hammerschläge
erreicht wird, ist für mich genial.
Für diejenigen unter Ihnen, die sich mit der Musik befassen, möchte
ich auf eine verwandte Simplizität hinweisen. Wir alle kenn die
Tonleiter: Acht Töne, nicht mehr. Sie können darauf Spielen "Kuckuck,
Kuckuck". Sie können spielen, das erstaunt immer wieder,
"Freude, schöner Götterfunken". Nicht nur, dass innerhalb
dieser nur einen Oktave der großartige Chor von Beethoven konzipiert
worden ist - er brauchte einfach nicht mehr. Ich habe das einmal
in einem Gespräch mit Freunden in Frechen geäußert, als wir mit
Keramikern zusammen waren. Wir gingen anschließend in eine Wohnung
eines Diskutanten und wir hörten nun ein Haus-Quartett "Freude,
schöner Götterfunken" musizieren. Verwundert stellten sie
fest, eine Oktave reichte. Ich wollte den anderen verdeutlichen,
was ich erfahren hatte. Und wie anders hätte ich Ihnen das verdeutlichen
können, wenn nicht durch dieses Beispiel, dass Sie die Musik hören
und die Musiker ihnen anschließend sagen, ja, das Werk ist in
einer Oktave gehalten.
Sehen Sie, wenn Sie diese Arbeiten hier betrachten: Dieses sogenannte
einfache Tun enthält den ganzen Reichtum. Sie haben durch die
Unterteilung, des Segmentierens einen Grundakkord angeschlagen,
der formmäßig sich in den Raum hinein entfaltet. Bei der Be- an
meinem Metier: Das Studium der Kunstgeschichte. Aber das Studium
der Kunstgeschichte war für mich nämlich nicht nur fleißiges Studium
von Büchern oder sorgfältiges Ansehen von Fotografien: Ich bin
gereist. Ich habe mir die Dinge angesehen, die Dinge, über denen
ich mit meinen Studenten sprach.
Da ist mir z.B. aufgefallen, dass - Sie kennen es - die sog. Papyrussäule
aus Ägypten: eine Bündelung aus verschiedenen Papyrushalmen bestehend.
Das heißt, dadurch entsteht im Grundriss dieser Kreise eine Folge
von Halbkreisen. Sie sind dort gebündelt. Sie denken vielleicht
auch an Griechenland, an die dorischen Säulen: Den großen Kreis
der Säule im Durchschnitt, im dem Halbkreise hineingezogen sind,
d.h. die Negativform der Bündelung. Denken Sie jetzt an diese
Säule: Da sind immer Halbkreise herausgeschnitten, so als sei
aus der Bündelung von den Papyrusstauden jetzt die Papyrusstaude
selbst herausgefallen. Für mich jetzt was völlig anderes: nämlich
dieses Eingreifen des Umraumes, des Leerraumes in die Säule -
sie frisst sich ein. Sie sägt sozusagen ein Stück aus dieser Form
heraus.
Und: In Le Beaux sah ich eine romanische Kirche, deren Portal
- ein Stufenportal - ganz einfach gestaffelt war. Es war immer
in der einen Nische der Stufe eine Rundsäule, in der zweiten Stufe
war in die Fläche eine eingelassene Halbsäule. Bei der dritten
Stufe wieder eine Vollsäule und das setzte sich so fort. D.h.
es war etwas in den Raum hinein gestellt, es war etwas in die
Architektur aufgesaugt worden. Und oben im Tympanon wurde dieses
Stufenportal im Lineament fortgesetzt. Nun aber mit einer neuen
Ordnung, nämlich aus den Säulen unten wurden oben Halbsäulen,
aus den Halbsäulen unten wurden oben Negativ-Halbsäulen. Das mag
befremdlich anmuten, wenn ich auf diese kleine Beobachtung hinweise,
aber sie gehört für mich zum vorliegenden Werk von Harald Jegodzienski.
Die Auseinandersetzung von Form, von Masse - Volumen und Leerraum:
Er führt sie zusammen. Sie sehen bei den einzelnen Arbeiten immer
wieder die Durchbrüche, Schlitze sozusagen. Er fügt sie so dicht
wie möglich aneinander heran und erst in dem Augenblick, wo links
und rechts, vorne und hinten zu einander geführt werden - und
zwar wieder auf die Grundform zurückgeführt werden, - aus der
heraus sie entwachsen sind - , ist die einzelne Arbeit für mich
verständlich. Das Greifbare, Sichtbare wird ergänzt durch das
Nicht-Sicht bare, sondern nur das Wahrgenommene, Erlebte.
Weiter zu diesen Arbeiten: Es ist immer wieder die Frage, und
ich frage auch hier wieder, nach dem Verhältnis von Keramik und
Plastik/Bildhauerei? Sie wissen, dass auf diesem Feld der Verzahnung
heftige Meinungsunterschiede ausgefochten werden. Einmal freundlich,
im allgemeinen, nach meiner Beobachtung, geradezu boshaftig. Dabei
vergisst der Keramiker, der sagt, Gefäß ist ausschließlich Keramik
- Keramik ist ausschließlich Gefäß; Er vergisst, dass große Kulturen,
wie die der Etrusker, wie die der mittelamerikanischen Länder
ausgeprägte keramische Kulturen waren und zwar keramisches Material
nicht nur für das Gefäß, nicht nur für plastische Formen und Idole,
Figuren u.s.w., was man also braucht, sondern auch für die Architektur.
Und gerade wir hier in Bremen und die ganze Hanse-Landschaft eigentlich,
ist sie nicht eine keramische Kulturlandschaft - mit ihren Ziegelbauten,
mit dem Wechsel von glasiertem Ziegel, von den verschieden farbig
in Erscheinung tretenden gebrannten Ziegeln, von dem Wechsel von
Ziegelbau und gestrichener Mauerwand? Denken Sie an die Terrakotten,
die als Reliefs in die Architektur eingefügt wurden.
Jegodzienski betont die Vertikale. Würde ich noch ein Lehramt
haben, würde es mir eine vergnügliche Aufgabe sein, nun meinen
Studenten eine Prüfungsaufgabe zu stellen: Eine Unterscheidung
zu erarbeiten zwischen diesen Vertikal-Objekten, zwischen den
plastischen Darstellungen geometrischer Formeln, wie sie z.B.
bei Max Bill sind - da ist jedes Detail, jede Nuance, jede Krümmung
mathematisch vorbestimmt durch die Formel - , und dann den in
Wien lebenden griechischen Bildhauer Avramides mit seinen Figuren,
mit seinen Stelen. Da haben wir nämlich drei Konzeptionen. Max
Bill, - Sie haben ja hier in Bremen eine vorzügliche Sammlung
im Museum -, arbeitet jedes Detail gleichsam wie ein Schüler aus,
- das soll jetzt nicht negativ sein - : Eine mathematische Formel
ist in ein plastisch anschauliches Objekt zu übersetzen. Das ist
mathematische Logik, es ist nachvollziehbar und wahrscheinlich
am fantasiereichsten in den Arbeiten von Naum Gabo vollendet worden.
Sie haben Avramides, der eine stehende Figur oder zwei, drei stehende
Figuren so vertikal segmentiert, dass sie zueinander geordnet
ein Ganzes ergeben: das nicht mehr ein Mensch ist, sondern eine
Vielzahl von Menschen. Jeder ist ein Teil. Sie können ablesen,
wenn Sie die ganze Figur vor sich haben, welche Unterteilung in
Knie-, in Bauch-, in Schulter- und in Kopfhöhe vollzogen wurde.
Sie haben hier bei Jegodzienski die dritte Möglichkeit: nämlich
des konzentrierten und sich des Arbeitsablaufs völlig bewussten
Entwicklung einer vertikalen Form aus ihrer geometrischen Grundfläche,
ihrer Konzeption. Nun sage keiner, dass ein solcher Ablauf nicht
letzt endlich nur eine mathematische Konsequenz sei. Es ist mithin
die Freiheit, wie eine Fläche gespannt wird, wo sie endet, wie
die Fläche zur gegenseitigen Höhlung erarbeitet worden ist. Das
ist meines Erachtens intuitiv. Und das ist das Entscheidende:
Was hier erarbeitet wird, ist das Ergebnis eines schöpferischen
Arbeitens, d.h. auch Lebensvorganges. Und wenn ich hier die einzelnen
Arbeiten sozusagen Zentimeter für Zentimeter in ihrer Entwicklung
betrachte, und zwar kritisch betrachte, wenn wir feststellen,
das sie immer wieder auf ihre Grundkonzeption zurückzuführen ist,
obwohl sie sich entfaltet und verändert, so möchte ich einen,
vielleicht abwegigen Vergleich ziehen: Denken Sie an uns selbst,
an den einzelnen Menschen. Wir haben unseren Organismus, haben
unser Skelett. Aber dieses Skelett ist nicht fixiert. Denken Sie
an den Brustkorb: Durch Einatmen und Ausatmen ist eine Entfaltung
der Grundkonzeption gegeben.
Und so glaube ich auch, dass in diesen Arbeiten eine Synthes geschaffen
worden ist, für mich sehr singulär, nicht vergleichbar. Er wird
Nachahmer finden, die sozusagen, um mit Schiller zu sprechen-
" wer sich räuspert und viel spuckt, habt Ihr ihn fein säuberlich
abgeguckt". Er wird bald , - je bekannter die Werke von Jegodzienski
werden, mehrere geben, die sein Räuspern und Spucken, d.h. die
äußere Form der Mitteilung nachahmen werden. Für mich ist es eine
Synthes von geometrischer, logischer Konzeption und Redlichkeit
mit der Notwendigkeit, die wir als Mensch nun einmal haben, etwas
Organisches zu schaffen. Diese Verquickung von Organismus und
mathematischer Logik ist für mich in den Arbeiten, wie sie jetzt
vor mir stehen, das Entscheidende und das, was mich beschäftigt
und noch weiter beschäftigen wird.
Danke für ihre Aufmerksamkeit.
Prof. Dr. Ulrich Gertz Wiesbaden (im Oktober 1986)
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"Transformation"
Eröffnungsrede anlässlich der Ausstellung in der
Galerie "Bilderhaus", Frankfurt/ M. (12. August 1983)
Harald Jegodzienski ist mit den hier gezeigten Arbeiten in eine
Gruppe konstruktivistisch arbeitender Bildhauer vorgestoßen, die
sich die spezifischen Eigenschaften von Materialien wie Glas,
Ton, Metall oder Holz zunutze machen, um zu einer materialgerechten
ästhetischen Aussage zu gelangen. Materialien wie Glas oder Ton,
die vorwiegend der Industrie, dem Handwerk und dem Kunsthandwerk
für künstlerisch mehr oder weniger gestaltetes Gebrauchsgut dienten,
haben es schwer, neben Stein, Holz oder Bronze als vollgültige
Kunstträger anerkannt zu werden. Gerade die keramische Kunst wird
immer noch in der breiten Öffentlichkeit gleichgesetzt mit farbig
glasierten Gefäßen. Auf Keramikausstellungen sind die frei geformten
Plastiken in einer verschwindenden Minderheit neben der gedrehten
Gefäßkeramik oder der seit den 60er Jahren üblichen aus industriell
vorgefertigten Steinzugtonplatten aufgebauten Keramiken mit Gefäßcharakter.
In Galerien moderner Plastik halten diese freien Keramiken, ebenso
wie das frei gestaltete Glas, kaum Einzug, obwohl schon zu Beginn
der 60er Jahre Walter Popp in Kassel sogar für die Gefäßkeramik
einen legitimen Platz im Bereich der freien Kunst beanspruchte.
Die Keramiken von Harald Jegodzienski sind weder gedreht noch
aufgebaut. Bis auf wenige sparsame Aschereste verzichten sie auf
diese Form der Oberflächenveredelung. Und dennoch - oder gerade
deshalb - spürt man, dass hier aus dem Material Ton etwas entsteht,
was so in keinem anderen Werkstoff möglich ist.
Diesen plastischen Arbeiten ist vermutlich z.Z. nichts Vergleichbares
in der deutschen Keramik an die Seite zu stellen. Ihre Einzigartigkeit
erhalten sie durch die angewandte Technik der Materialbearbeitung
und durch die Beschränkung auf wenige gestalterische Mittel. Darin
liegt auch der Schlüssel zu ihrer subtilen ästhetischen Sprache.
Ausgang für die Arbeit von Harald Jegodzienski ist der Tonklumpen
in immer gleichbleibendem Volumen. Das weiche, amorphe Material
wird zu einer Quadratsäule geformt. Diese wird nach einem selbst
entwickelten geometrischem System, das insgesamt 16 verschiedene
Grundformen - Größenvariationen eingeschlossen - liefert, in Säulen
geteilt, die nun durch Schlagen mit einem Holzhammer verdichtet
und weitergeformt werden. Deswegen nennt Harald Jegodzienski seine
Arbeiten "Transformationen". Was entsteht sind gestreckte
Säulen oder durch Teilungen Kombinationen mehrerer Säulen, die
immer noch als Grundinformation die ursprüngliche geometrische
Basisfläche enthält, zudem aber Leben durch die Bearbeitung empfangen
haben. Bei dieser Bearbeitung können z.B. bei einem dreiseitigen
Körper, - Grund- und Deckfläche nicht mitgezählt -, drei verschieden
texturierte Seitenflächen entstehen. Die Seite des Hammerschlages
zeigt die Spuren des Werkzeuges und die Treibrichtung. Es ist
die glatte, bearbeitete, aktive Seite. Die Liegefläche erhält
durch den Druck des Schlagens und durch die Tischplatte eine fast
monochrome Flächentextur. Die dritte, unbearbeitete Seite weist
durch den Schnitt mit dem Draht eine raue und durch die Auswirkung
des Schlagens zusätzlich gestauchte oder auch aufgerissene Fläche
auf. Sie ist für Harald Jegodzienski die, vom eigentlichen Machprozess
her gesehen, passive Seite.
Alle drei Oberflächenqualitäten kann der Betrachter beim Umschreiten
oder Drehen der Plastik zueinander in Beziehung setzen, sie können
aber auch vom Keramiker selbst durch Zuordnung von zwei oder mehr
Säulen miteinander ins Gespräch gebracht werden: passive raue
Seiten können sich innen gegenüber stehen, aktive glatte die Plastik
nach außen abschließen. Diese sieht dann wie aufgebrochen aus.
Zahlreiche weitere Kombinationen ergeben sich mit jeweils veränderter
ästhetischer Spannung.
Als weiterer gewollter Oberflächenreiz treten die aus dem Formung-
und Brennprozessen entstandenen Rissen, Schründe, Auslappungen,
Fingerabdrücke, Werkzeugspuren hinzu.
Mit der Kombination mehrer Säulen beginnt die eigentliche "Facette
des Spielerischen". Unterschiedlich können die sich durch
Teilung ergebenen Säulen zusammengestellt und auch in der Treibrichtung
umgedreht werden. Was sich dabei abspielt ist am ehesten mit dem
Vokabular der klassischen Rhetorik zu beschreiben: Reihungen,
Gegensätze, Überkreuzungen, Steigerungen (z.B. von glatt zu rau,
von schmal zu breit), Vertauschungen, Umkehrungen usw. sind möglich.
Alle Kombinationen aber stammen aus dem gleichen Monolith, ohne
Rest und mit immer gleichem Rauminhalt.
Noch war nicht vom Brennprozess die Rede. Im lederharten bis luftgetrocknetem
Stadium wie auch im Brennprozess ist der Ton, wie Harald Jegodzienski
sagt, sehr aktiv: Er kann reißen, brechen und sich krümmen. Man
muss das Material und sein Verhalten beim Trocknen und beim Brennen
im Ofen sehr genau kennen, um derartige Ergebnisse erzielen zu
können, wie sie sich hier in der Ausstellung zeigen.
Seine Sockellösungen geben den hohen schlanken Plastiken nicht
nur Standfestigkeit, sie lassen den Raum um sie herum frei, so
dass sie eine architektonische Monumentalität ausstrahlen können,
die ihnen trotz ihres "kleinen" Formates innewohnt.
Prof. Dr. Ekkehard Schmiedberger
Kassel (im August 1983)
(Direktor des Landesmuseums Kassel)
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